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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 15.09.2011, 22:08
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Warum?

Die Villa liegt in einer Randzone der Stadt, am Ende einer Seitenstraße, die an einem Hügel am Wald endet; ein großes Grundstück, das mit einer Mauer eingefasst ist.
Eine ganz normale Straße. Da steigen morgens Kinder in den Schulbus, kommen am Nachmittag zurück, fahren Leute zur Arbeit, gehen Frauen zum Einkaufen.
Längere Zeit haben sie das Anwesen beobachtet, alles sieht ziemlich unauffällig aus. Nur Zivilfahrzeuge kommen manchmal an und verlassen das Grundstück wieder.
„Die Leute, die da wohnen, kenne ich nicht, öfter haben sie wohl viel Besuch. Öfter machen sie auch das Radio sehr laut an“, hat ein Nachbar gesagt.

Ab Mitternacht wird es ruhig, nur vier Polizisten sind dann anwesend.
Abwechselnd hält einer Wache, verlässt ab und zu das Haus. Die anderen schlafen. Alle zwei Stunden wird gewechselt.

Sie sind fünf, Edgardo, drei Männer und eine Frau. Eindringen in das Haus, Befreiung von Gefangenen, die hier verhört und gefoltert werden. Wo die Schlüssel zu den Zellen hängen, wissen sie. Dann Rückzug über die Mauer, Flucht mit dem Campingbus. Alles ist oft und detailliert besprochen worden. Auf keinen Fall soll geschossen werden.

Der Bus wird vor der Mauer abgestellt. Sie ziehen sich schwarze Kapuzen über die Köpfe und laufen zur Mauer. Zuerst klettert die Frau hinüber, dann nacheinander die Männer.
Hinter dichten Büschen bleiben sie stehen und versuchen ruhiger zu atmen.
Edgardo schleicht zur Rückseite des Hauses, dann an der Mauer entlang und bleibt neben dem Eingang stehen.
Ein Mann kommt aus dem Haus. Er kann ihn von hinten angreifen und hält ihm das Chloroformtuch auf Mund und Nase. Der Wächter strampelt noch ein bisschen, fällt dann aber auf die Erde.
Die anderen vier schleichen ins Haus. Edgardo fesselt den Betäubten, steckt ihm ein Tuch in den Mund.
Alles oft geübt, es müsste klappen, denkt er.
Er überlegt, welchen Nutzen ihr Unternehmen haben wird. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es wird die Diktatur nicht beenden, aber jemand wird weniger leiden.
Die Vier kommen leise heraus, bringen zwei junge Männer und ein junges Mädchen mit. Die Gesichter der Befreiten sind mit Blut verschmiert, ihre Kleidung ist zerrissen und verdreckt.
Plötzlich geht ein Scheinwerfer an. Alles wird taghell erleuchtet.
Die Ersten sind schon an der Mauer, heben das Mädchen hoch, klettern schnell hinüber. Nur er und die Frau haben die Mauer noch nicht erreicht.
Plötzlich schießt jemand mit einer Maschinenpistole.
Er weiß, dass man mit dieser Waffe nur sehr ungenau zielen kann, wenn das Ziel sich bewegt und weit genug entfernt ist.
Ein einzelner Schuss.
ie Frau fällt hin, er dreht sich um, zerschießt den Scheinwerfer und es wird dunkel. Nur die Straßenbeleuchtung taucht alles in Dämmerlicht.
Es wird nicht mehr geschossen. Die Polizisten sind wohl ins Haus gelaufen, rufen Verstärkung, wissen nicht, wie viele noch im Garten sind, wollen nichts riskieren, denkt er.
Er hebt die Frau auf, trägt sie bis zur Mauer, sieht, dass seine Hände blutig sind und hört den Bus abfahren. Das war so ausgemacht.
Er sitzt an der Mauer, hält die Frau auf seinem Schoß, Blut läuft aus ihrem Mund.
Sie schaut ihn an, weiß wohl, dass sie sterben wird. Er weiß es auch.
Sie flüstert: „Nimm mich in den Arm, mir ist so kalt!“
Er drückt sie fest an sich, Tränen laufen über sein Gesicht. Sie beginnt zu zittern, keucht noch einmal, rote Blasen kommen aus ihrem Mund, ihr Kopf fällt zurück.
25 Jahre ist sie alt geworden.

Gestorben, wofür, für wen, warum? Er glaubte, es einmal zu wissen, jetzt weiß er es nicht mehr, lehnt ihren Kopf an einen Baum, streichelt noch einmal ihr Gesicht.
Er springt an der Mauer empor, kann sich hoch ziehen.

Der Mond ist hinter den Wolken hervor gekommen, Vollmond, kalt und unbeteiligt, als sei nichts geschehen. Aber für Edgardo ist eine Welt zusammengebrochen. Er verschwindet in einer dunklen Gasse.
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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