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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 19.12.2011, 02:45
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Da hab ich doch in meinem alten Gehirn etwas ausgelöst. Diese Weihnachtsgeschichte hat erstaunlicherweise andere, längst vergessen geglaubte Geschichten meines Lebens hochgespült.

Geschichten erzählen ist eine Sache. Geschichten erleben, das ist was ganz anderes. Ich mag Geschichten, gerade die kleinen Geschichten, die jedem von uns passieren und auch und gerade jedem früher passiert sind. Das geht ja nun früh los...

Eine, an die ich mich noch erinnern kann war heftig aber auch lustig, na ja, zumindest fast...

Ich war damals 7 Jahre alt. Ich war stolzer Erstklässler, da ein Schulrat beschlossen hatte, dass ich mit 6 Jahren noch nicht reif genug für die Schule sei. Heute weiß ich, dass ich eine Frage zu einem Berg vor den Toren der Stadt, hm, hinter den Toren der Stadt eher, nicht beantworten konnte. Das war im Jahre des Herrn 1960. Heute weiß ich, dass dieser Hügel "Weinbiet" heißt. Damals nicht. Was ein Glück, durft noch ein ganzes Jahr Kind sein und tun und lassen was ich wollte. Aber auch dieses Jahr ging vorbei und es war soweit.

Ich kam in die Schule. Klar, damals noch mit Tüte und Tamtam und allem, was man zu dieser Zeit so veranstaltet hat. Ich kann mich auch nicht erinnern, davor Angst gehabt zu haben oder Abneigung. Man hatte es mir wohl sehr gut verkauft. Also meine Eltern und mein älterer Bruder. Der hatte ja nur noch von der Schule erzählt und wie toll da alles sei. Gut, ich habe mich zu der Zeit lieber im Schlamm eingegraben und Eidechsen gefangen. Also wirklich wichtige Sachen. Aber egal, ich bin hin und fand es auch nicht schlecht.

Der Lehrer war nett. Klar, damals waren alle Kinder noch so erzogen, dass sie auf Kommando aufgesprungen sind und im Chor "Guten Morgen, Herr Lehrer" gekräht haben. Ich natürlich auch. War halt so. Gut, ist über 50 Jahre her, heute ist das anders. Da kommen die Lehrer mit Polizeischutz ins Klassenzimmer und die Schüler werden an der Tür nach Waffen durchsucht. Nein, so war das nicht damals. Leider weiß ich nicht mehr, welche Art von Kleidung ich damals getragen habe. Oder vielleicht zum Glück. Aber auch das war damals nicht wichtig, keiner hat sich darum gekümmert. Die Schüler, die einen älteren Bruder hatten, die haben logischerweise die "rausgewachsenen" Klamotten des großen Bruders aufgetragen. Das war normal und hat keinen geschert.

Soviel zu der Welt der Schule damals. Und ja, glaubt mir keiner mehr heute, ich war ein braver Junge und habe immer mitgearbeitet. Gut, im Schulhof in den Pausen, da gab es schon mal Auseinandersetzungen, aber das ist eine andere Geschichte. Erzähle ich später mal.

Natürlich waren die Ferien damals wie heute sehr beliebt. So auch die Osterferien. Wir wohnten in einer Wohnung im 1. Stock und es gab keine Wiesen weit und breit. Auch der Wald war ziemlich weit weg, wir waren eben mitten in der Stadt. Also war das Ostereiersuchen auf die Wohnung beschränkt. Es hat dem Spass keinen Abbruch getan, meine Eltern haben immer tolle Verstecke gefunden. Was sie nicht ahnen konnten war, dass sich der Jüngste schlaflos schon mitten in der Nacht auf die Suche machte. Alle haben tief geschlafen und ich war sehr stolz, vor meinem Bruder auf die Suche zu gehen. Das weiß ich noch genau. Ich hätte im Bett bleiben sollen...

Meine Eltern hatten einen Musikschrank. Also so eine Art Sideboard, links war ein Plattenspieler eingebaut und rechts eine Glasscheibe. Hinter dieser Glasscheibe standen Gläser und Flaschen. Mir hatten es die bunten Gläschen in einem Sechsertrageset angetan. Das war so ein goldverziertes Metallgestell mit 6 Schnappsgläsern in verschiedenen Farben. Man darf nicht vergessen, es war 1960 und zu dieser Zeit der letzte Schrei. Die habe ich mir auf meiner Suche nach Ostereiern erst mal geholt. Natürlich kann man mit sowas nicht spielen, wenn man nichts hat, das man da auch reinschütten könnte. Aber das war kein Problem, da Stand eine Flasche und ich habe dann wohl munter eingegossen und von einem Gläschen ins andere geschüttet. Wie das Kinder halt so machen. Ab und an habe ich ein Schlückchen getrunken und wieder nachgeschenkt. Heute weiß ich, dass diese kleinen Schlückchen ungefähr 33cl waren. Und in der Flasche war echter Strohrum, von meinen Eltern aus Österreich mitgebracht mit satten 80% Alkohol ungefähr.

Genau dort haben sie mich gefunden als die Sonne aufging. Sturzbetrunken und fast bewusstlos. Sie haben mich ins Bett gesteckt, einen Notarzt gerufen, ja, das Theater war komplett. Wobei ich davon nichts mitbekommen habe. Der Arzt hat auf die alte Art den Magen frei gemacht, also ohne Pumpe, eher rustikaler und ich war fast eine Woche im Bett. Hab wohl von schwarzen Männern und anderen Albtraumgestalten gelallt und alle sehr gut unterhalten. Heute weiß ich, dass ich fast über die Wupper, na ja oder den Jordan, gegangen wäre.

Noch heute bin ich dankbar, dass meine Eltern zu mir standen. Ich habe keine Strafe bekommen, keine lauten Worte oder sowas. Gar nichts. Allerdings gab es keine Flaschen mehr danach. Zumindest nicht in Reichweite von Erstklässlern. Nach der Woche bin ich etwas blass aber durchaus wieder gesund zurück in die Schule gegangen. Niemand hat je davon erfahren. Nach wie vor bin ich davon überzeugt, dass ich immer noch der Promilleweltmeister aller 7-jährigen bin. Immerhin Weltmeister...

Klar, die Schule ging weiter, das Leben auch, aber beides hatte noch einige interessante Geschichten. Doch für heute nur diese...

Ja, so war das, Ostern 1960.

Falls es hier Menschen gibt, die auch eine kleine Geschichte aus ihrem Leben erzählen könnten, macht doch, ich fänds schön, lese gerne kleine Geschichten.
__________________
lg
Hobo
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Old 19.12.2011, 22:26
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Gerade habe ich die kleine Geschichte nochmal gelesen. Und siehe da, es ist erstaunlich, was da alles an Erinnerungen wieder aufsteigt. Ja, das Jahr 1960, aus der Zeit vorher könnte ich auch noch eine Geschichte erzählen, aber es ist eine Unfallgeschichte, blutrünstig und wenig erfreulich. Ich hatte wirklich schon einen Roller. Sogar mit Luftreifen. Das war damals der letzte Schrei. Ok, man sollte damit halt nicht unter Fahrräder kommen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Anscheinend ist vieles, was ich für immer vergessen glaubte, doch noch irgendwo in diesem seltsamen Gehirn vergraben. Ich habe einfach mal über die Zeit nach Ostern 1960 nachgedacht. Zum Beispiel mein erstes Schuljahr. Das ist ja nun für die Entwicklung eines noch sehr kleinen Menschen nicht ganz unwichtig. Klar, ich konnte errechnen, dass es 60/61 war. Allerdings sind viele Details dieser Zeit wirklich vergessen und somit verloren. Aber einiges, das weiß ich noch recht gut. Davon handelt die kleine Geschichte heute.

Mein erstes Schuljahr

Erstaunlich, was da, wenn auch vage, doch noch erinnerbar ist. Stolze 7 Jahre alt, neugierig, auch nervös und hauptsächlich abwartend, so habe ich die Schule angefangen. Das allererste was mir dazu einfällt, das ist natürlich meine Tafel. Nein, keinen Tablet-PC ihr Jungnasen, eine Schiefertafel. Vorne Zeilen und hinten Karos. Halt zum Schreiben und zum Rechnen. Daran hing ein Wischlappen und im Schulranzen hatten wir alle einen Schwamm. Der war gut, weil er regelmäßig die 2 Bücher, die wir hatten eingesaut und ziemlich durchweicht hat. Es gab dann aber schnell so eine Art Seifendose, die war recht dicht und das Problem war gelöst. Geschrieben wurde mit einem Griffel. Ist wahr, jeder hatte eine Schiefertafel und Kreidegriffel. Die waren im Griffelkasten, der aus Holz war. Das hat beim Rennen mit dem Schulranzen auf dem Rücken ein ganz typisches Geräusch gemacht und immer wieder zu abgebrochenen Spitzen bei den Griffeln geführt.

Das war aber längst nicht so schlimm wie ein Sturz. Der hat meist zum Tod der Schiefertafel geführt und zu richtig großem Ärger zu Hause mit den Eltern. Warum? Familienetats waren damals anders als heute... Aber das ist eine andere Geschichte. Ich weiß nicht mehr wieviele Tafeln ich im ersten Schuljahr gehimmelt habe, ich schätze aber mal so alle 6 Wochen eine.

Das Lernen ging damals auch ganz anders als heute. Ich glaube, ich habe ein halbes Jahr lang Spazierstöcke auf meine Tafel gemalt. Griff links, Griff rechts, Griff unten, Griff oben. Es waren bestimmt 100.000 Spazierstöcke. Zumindest empfinde ich das heute so. Erst dann wurden Buchstaben geschrieben. Immer als Pärchen. Großes A mit kleinem a usw. Und natürlich alles in Druckschrift. Das ganze Alphabet und natürlich auch wieder gefühlte 100.000 mal. Und auf der Rückseite die Zahlen. Ungefähr genauso oft. Soviel nur zum Schreiben lernen.

Viel lustiger war das Lesen lernen. Wir hatten eine Fibel. Nein, nicht Bibel. Lesebücher für Schüler hießen damals Fibel. Sehr beliebt waren Familiengeschichten, also Alltagssituationen. Wobei die es in sich hatten. Ein paar dieser Sätze weiß ich noch. "Die Mutter macht das Frühstück für die Kinder" oder "Die Mutter putzt die Wohnung" oder "Der Vater kommt abends von der Arbeit nach Hause" und "Die Mutter hat das Essen für den Vater und die Kinder vorbereitet und alle essen zusammen. Der Vater spricht das Tischgebet". Auch schön war "Die Mutter hat die Wäsche gewaschen und legt dem Vater frische Kleidung hin".

Niemand hat damals darüber gelacht. Ehrlich nicht, es war 1960, da war das normal. Es war nur eine Abbildung des damals üblichen täglichen Lebens. Ich kannte niemandem, dessen Mutter gearbeitet hätte. Die war zu Hause und die Väter haben das Geld verdient.

Ansonsten kann ich mich noch sehr gut an den Religionsunterricht erinnern. Die Klassen waren ja damals getrennt nach Geschlechtern. Außer in Religion, die Katholen und Evangelen wurden da aus beiden Klassen zusammen gefasst, also auch die Mädchen. Heute eher lustig, Koedukation ausgerechnet in Religion. Aber das ist eine andere Geschichte, die es durchaus Wert ist erzählt zu werden...

Ja, so war es, mein erstes Schuljahr...
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lg
Hobo
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  #3  
Old 20.12.2011, 13:14
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Das hast wirklich sehr liebevoll geschrieben.
Ich bin früher eingeschult worden,das war 1954,in der Prignitz ,in der Geschwister Scholl Schule,die zum Glück auch heute diesen Namen noch trägt.
Schulzeit,ja ,auch wir hatten Tafel,Lappen und den Griffel,der so schön auf der Tafel quietschte,wenn wir unsere Übungen machten .Auf der einen Seite konnten wir rechnen,da gabs Kästchen,auf der anderen Seite konnten wir die Buchstaben hinzaubern,na zuerst sah das alles krakelig aus,aber das gab sich mit der Zeit.Und unsere Schulbänke,die waren so richtig altertümlich,was uns damals nicht störte.
Auf dem Schulhof wurden verschiedene Kinderspiel gespielt,auch mal geprügelt untereinander.Einmal keilte ich mich mit dem Sohn des Küsters,dafür durften wir bei den Großen Nachsitzen in der 7 Klasse,die uns richtig auslachten.
Später ab der zweiten Klassen ging das Geschmiere mit der Tinte los..
Da gabs die Schreib-Rechenhefte,die kosteten 10 Pfennig,die sahen dann aber auch aus.
Wir schrieben zuerst mit dem Federhalter,habe ich irgendwo noch im Haus,tunkten dann ihn in ein Tintenfass,das auf dem Pult,wir saßen in einer Bank mit Schreibpult,eingelassen war, und los ging das Geklekse!!
Wir sahen manchmal wie kleine Ferkel,lach,aus.
Wir hatten in der ersten Klasse die Fibel,die liebevoll gestaltet war ,und ein Rechenbuch,auch liebevoll illustriert,also man hatte was zum Angucken dabei.
Und so ähnlich wie bei anderen ging es da los MAMA -- --
Leider hab ich diese Bücher nicht mehr,meine Mutter schickte beide an eine Tante die in Osterholz Sonderschullehrerin war,der diese Titel gut gefielen,weil sie wirklich pädagoisch gut waren.Sie wurden im damaligen Verlag Volk und Wissen verlegt.
Schulzeit,teilweise schön,teilweise,na,ja aber man denkt daran doch sehr gern zurück .Mir geht es jedenfalls so.Und durchs Net habe ich durch Zufall wenige Kontakte dazu wieder gefunden.
Wir hatten eine gute Bildung,Religonsunterricht gab es für mich außerhalb der Schule,meine Eltern wollten das so,wo ich viel Unsinn verzapfte,weil mir das zu langweilig war bei unserem damaligen Fräulein,die einen Angstdutt hatte und sich auch so verhielt;ich sagsDeinem Vatera hatte sie es bei mir verschissen!Und auch der komische Pfarrer ebenfalls,der so ete-pe-tete war.Wir waren eine richtige Rasselbande,das hat uns nicht geschadet im Leben.Und auch heute sollte man zu manchen Dingen nicht schweigen,wenn man auch nicht viel bewirken kann.
Mienelie
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  #4  
Old 20.12.2011, 18:53
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Mir fällt auf, dass beim Hinabsteigen in die Vergangenheit, in die hintersten Winkel meines Gedächtnisses, immer mehr Details an die Oberfläche kommen. Das macht es fast unmöglich stringent eine für sich isolierte kleine Geschichte zu erzählen. Weil an fast jedem Zipfelchen der Vergangenheit, mühsam ausgegraben, sofort eine neue, eine andere kleine Geschichte hängt und es schwer macht, nicht direkt auch darauf einzugehen und dann gleichzeitig mehrere kleine Geschichten zu erzählen. Deshalb mag es Gedankensprünge geben, die wohl nur ich verstehen kann und ich bitte mir diese nachzusehen.

Der Religionsunterricht (oder Kinder als Waffen)

Es war 1960 in der ersten Klasse der Volksschule, so hieß die damals. Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Heimatkunde, Singen und Leibesübungen standen damals auf dem Stundenplan. Und natürlich Religion. An das Meiste kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur der Religionsunterricht, der hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt.

Wenn Religion war, dann war erst mal viel los im Schulhaus. Aus allen Klassenzimmern pilgerten die Schüler zu ihrer Religionsstunde. Der Klassenverband war aufgelöst und die Trennung von Jungs und Mädchen war aufgelöst. Es gab eine neue Trennung. Damals ja nur in zwei Lager. Es gab die Katholen und die Evangelen. Da es meine Eltern für richtig gehalten hatten mich taufen zu lassen war ich bei den Katholen.

Ich kann mich noch gut an das unbehagliche Gefühl am Anfang erinnern. Wir hatten ja mit Mädchen sonst nichts zu tun und wollten mit denen auch nichts zu tun haben. 7-jährige Jungs haben damals Mädchen gemieden. Die konnten nicht Fussball spielen, nicht raufen, die konnten eigentlich nichts von dem was uns wichtig erschien. Die konnten noch nicht mal einen VW-Käfer von einem Gogomobil unterscheiden und sie wussten auch nicht, wer der Mittelstürmer der lokalen Fussballmannschaft war. Das machte sie in unseren Augen zu totalen Ignoranten.

Aber das war nur anfänglich ein Problem. Die Lehrerin in Religion, das war Fräulein Spiegel, unverheiratet und uralt, also aus unserer Sicht, die war das größere Problem. Dabei war das ewige Auswendiglernen von Kirchenliedern oder Bibelpassagen noch nicht mal das Schlimmste. Ihr Credo war, katholische Schüler sollen sich mit evangelischen Schülern nicht abgeben. Nicht mit ihnen spielen oder Freundschaften schließen. Weil die schlechtere Menschen und "Ungläubige" seien. Nur der rechte Glaube gefällt unserem Gott. Und die mit dem falschen Glauben gefallen unserem Gott nicht. Also dürfen sie uns auch nicht gefallen.

Gut, man kann kleinen Kindern viel erzählen und die neigen auch dazu vieles zu glauben, was man ihnen gebetsmühlenartig eintrichtert. Ich glaube, ich hatte am Anfang auch kein Problem damit. Das änderte sich allerdings recht schnell. Dazu sollte ich erklären, dass die Lehrer sehr gut über unsere Eltern unterrichtet waren. Das stand alles in einem Buch, dass sie immer bei sich hatten. Also der Beruf des Vaters, Mütter hatten ja keinen, die Straße in der man wohnte und auch, welcher Religion sie angehörten. Und so ergab sich schnell für das liebe Frollein Spiegel, dass ich ein Bastard war. Mutter katholisch, Vater evangelisch. Ein Skandal. Auch die Tatsache, dass ich immerhin katholisch getauft war konnte da nichts mehr retten. Ich war plötzlich ein Mensch zweiter Klasse.

Aus heutiger Sicht ist es nicht nachzuvollziehen, wie ich mich damals gefühlt habe. Hatte ja noch nicht mal was verbrochen oder Unsinn gemacht, was ich durchaus auch konnte. Nein, ich kam aus einer "unreinen" Familie. Alleine, dass ich mich noch so deutlich daran erinnere ist wohl ein Zeichen dafür, dass es mich damals schwer getroffen hatte. Zum Glück war ich nicht der einzige "Bastard". Es gab noch 3 andere Jungs und 4 Mädchen, die auch nicht des reinen Glaubens waren. Das führte unweigerlich zu einer Zusammenrottung der Parias. So gelang es uns ganz gut damit umzugehen und Religion war von da an unser meistgehasstes Fach. Es gab also nicht nur diesen "Zaun" zwischen Katholen und Evangelen, es gab sogar noch Zäune zwischen den halben Katholen, den Bastarden und den reinen Katholen.

Natürlich hatte das Auswirkungen. Wir wurden schlechter behandelt, teilweise geschnitten, mussten um vieles kämpfen. Für mich war dies die erste Erfahrung dieser Art in meinem Leben. Und es war keine gute Erfahrung.

Richtigen Ärger gab es aber erst, als ich das meiner Mutter zu Hause erzählte. Aber das ist eine andere Geschichte..., durchaus wert hier erzählt zu werden...

Ja, so war er, der Religionsunterricht im Jahre "des Herrn" 1960 in der deutschen Provinz.
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Hobo
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  #5  
Old 21.12.2011, 22:00
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Als Erstklässler lebte man in einer fest umrissenen Welt. Da war die Familie, die Schule und Freunde. Aber im Zentrum stand natürlich die Familie. Früher sagte man "das Elternhaus". Das hatte durchaus eine wörtliche Bedeutung. Wenn das in der falschen Gegend stand oder der Vater Müllmann war, dann hatte man schon sehr früh sehr schlechte Karten. Auch wenn wir Kinder das damals gar nicht realisiert hatten, es hatte Auswirkungen auf uns. Diese kleine Geschichte, die handelt von meinen Eltern.

Familie

1960 war die Familie natürlich das Zentrum des Universums für uns Halblinge. Und wie in fast allen anderen Familien hat mein Vater gearbeitet und meine Mutter war Hausfrau. Ich hatte noch einen 3 Jahre älteren Bruder in der Familie, aber mit dem kam ich nicht so recht klar. Den habe ich schon mit 7 Jahren beim Ringen auf den Boden gedrückt. Ein Weichei eben. Aber in dieser kleinen Geschichte soll es um die Rolle der Eltern für einen Erstklässler gehen. Ich hatte riesiges Glück. Ich hatte tolle Eltern, wenn auch mit Problemen wenn der Kleinste mal wieder Mist gebaut hatte. Aber selbst dann hatte ich vollen Rückhalt, ich konnte mich blind auf meine Eltern verlassen. Meinen Vater habe ich nicht so oft gesehen, der war morgens schon weg und kam erst wieder zum gemeinsamen Abendessen und dann musste ich ja schon wieder schlafen. Aber in Krisen, wenns gebrannt hat, wenn alles zusammenbrach in meiner kleinen Welt, da war er da für mich. Und meine Mutter sowieso.

Auch, als ich ihr diese Sache mit dem Religionsunterricht erzählt habe. Naiv, wie eben Erstklässler sind, habe ich ihr wohl gesagt, dass mein Vater den falschen Glauben hat und Gott ihn deshalb nicht mag. Und mich auch nicht. Und dass Katholen niemals Evangelen heiraten dürfen. Weil das ja Verrat an unserem Katholengott sei. Selbst heute noch kann ich mich an ihre Reaktion erinnern. Mir sagte sie nur, ich solle nicht alles glauben was man mir erzählt und sie würde mit mir darüber noch reden.

Am Abend hat sie wohl mit meinem Vater darüber gesprochen. Ich weiß noch, dass ich große Angst hatte etwas falsches gesagt zu haben und rechnete mit großem Ärger. Ein Gesetz war ja, man darf seine Lehrer nicht anzweifeln. Sie, die Götter aller Erstklässler hatten kritikfrei zu bleiben. Und für Bestrafungen war mein Vater zuständig, meine Mutter hat sich da rausgehalten. Aber es ist nichts passiert, ich hatte umsonst Angst gehabt. Meine Eltern haben Kontakt mit den Eltern der anderen "Bastarde" aufgenommen und ein recht großes Rad fing sich an zu drehen...

Würden meine Eltern noch leben, heute würde ich sie fragen, was damals genau abgelaufen ist. Aber es lief natürlich alles über meinen Kopf und wohl auch über mein Verständnis der Welt hinweg. Heute weiß ich, dass sich die Tageszeitung, das bischöfliche Ordinariat und der Oberregierungsschulrat eingeschaltet hatten. Das wiederum hab ich mitgekriegt und wäre am Liebsten im Boden versunken. Es war ziemlich heftig für einen Erstklässler. Sie haben es mir nie verraten, wie und was genau sie gemacht hatten.

Noch während des laufenden Schuljahrs ging Frollein Spiegel in Rente und wir bekamen einen Pfarrer als Religionslehrer. Das Hetzen hörte auf, nach kurzer Zeit schon hat es keinen mehr geschert, ob sein Freund Kathole oder Evangele war. Und ich, ich war mächtig stolz auf meine Eltern. Auch wenn sie es mir nie genau erzählten, ich weiß genau, dass sie da richtig Feuer gemacht haben... So wie immer, wenn ich im Mist steckte...

Ja, 1960 ein erstaunliches Jahr für mich, in vielerlei Beziehung...
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  #6  
Old 23.12.2011, 05:00
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Neben Familie und Schule gab es natürlich auch damals noch andere Probleme in der Welt. Für uns Kinder war das erst gar nicht so interessant, man hörte was und hats halt nicht verstanden. Man hat versucht es uns zu erklären, aber so richtig wichtig war es für keinen von uns. Raufen, im Schulhof spielen, Lehrer ärgern, das war unsere kleine Welt. Erst nach und nach mussten auch wir Kinder über den Rand unserer kleinen Welt hinaus schauen. Nicht, dass wir auch nur ansatzweise etwas verstanden hätten, aber wir hatten Gespür. Wir merkten und fühlten, dass da etwas war, viel zu abstrakt und weit weg, aber trotzdem mit einem großen Einfluss selbst auf uns Halblinge.

Es war die Angst vor der Bombe, die Angst vor dem 3. Weltkrieg, die sich zu dieser Zeit in der ganzen Gesellschaft breit machte, es war der kalte Krieg.

Cold War Kids...

Es kam irgendwie schleichend. Die Feueralarmübungen in der Schule wurden ausgeweitet. Es gab "Luftschutzübungen". Es wurden Filme gezeigt, tolle Aufnahmen in schwarz-weiß, ruckelig und mit Flimmern. Atombomben wurden da gezeigt. Wie der Atompilz in den Himmel stieg und auch Bilder von Hiroshima, die mit den schwarzen Schatten an den Wänden, von Menschen, die sich in Luft aufgelöst hatten. Und Panzer, die sich in Berlin gegenüberstanden, mit laufenden Motoren und die Kanonen aufeinander gerichtet. Und wie man schnell unter die Schulbank kriechen konnte und die Augen zu machte. Ja, ich habe das geübt 1961. Mindestens einmal jeden Monat. Wir kannten Bilder vom Krieg, selbst damals schon. Fast jede Familie hatte einen Fernseher und die Nachrichten, die ich nicht schauen durfte und sie deshalb natürlich angeschaut habe, die handelten alle meist vom Krieg. Und der Frage, die über allem Stand, "werden sie die Bombe werfen". Und langsam wurde es auch uns Knirpsen klar, dass da etwas schlimmes vor sich geht. Politik haben wir nicht verstanden. Wir wussten auch nicht was Demokratie oder Kommunismus ist. Auch nicht was "freie Welt" bedeutet oder das Gegenteil davon. Es war uns auch egal.

Irgendwann, wohl so kurz vor dem Mauerbau 1961 haben meine Eltern angefangen Vorräte anzulegen. In unserem Keller. Der war recht groß und da passte was rein. Auch die Matrazen, die mein Vater dort hinstellte. Alle zwei Wochen haben die Sirenen geheult, nur zur Übung, aber wir Kinder mussten dann in den Keller rennen. Anfangs war das lustig. Aber irgendwann kam die Angst. Auch zu uns Kindern. Was sollen denn Kinder machen, wenn sie sicher im Keller sitzen und die Welt über ihnen ausgelöscht wurde? Das waren Fragen, die uns beschäftigten. Das wir dann auch tot sein würden, das konnten wir uns altersbedingt natürlich nicht vorstellen. Die Erwachsenen führten mit leiser Stimme Erwachsenengespräche, wohl im Glauben wir Kinder würden nichts mitkriegen. Aber wir haben alles gehört. "Werden sie die Bombe werfen?", "Werden sie die Bombe in unserer Region abwerfen?", solches oder ähnliches hörten wir fast täglich.

In der Schule haben sie "Blendschutz" an die Fenster installiert, als Schutz vor dem Atomblitz. War nur ein dunkles Rollo, aber auch das machte Angst. Wir begannen zu begreifen, dass es kein Spiel mehr war. Wir haben darüber natürlich auch geredet. Jeder hatte was zu sagen, was er von seinen Eltern gehört hatte, was in den Nachrichten war und dass man 2 Matrazen braucht, eine um darauf zu liegen und eine um sich darunter zu verstecken. Wir haben diskutiert, ob es möglich wäre sich auf dem Spielplatz schnell genug einzugraben. Ja, heute lache ich, damals war das sehr ernst gemeint und wir haben es tatsächlich ausprobiert. Vieles veränderte sich in dieser Zeit und wir Kids, wir verloren etwas. Unsere Unbeschwertheit, der Ernst des Lebens hatte begonnen...

Kinder machen aus allem ein Spiel, das ist ihr Privileg. Wir spielten Atomkrieg, dachten uns Verstecke aus und übten mit den Händen vor den Augen Schutz zu suchen. Ja, so war das 1961 aus der Sicht des 8-jährigen Volksschülers...

Aber es kam noch schlimmer, etwas später, als weit weg von uns in Kuba die Welt am Abgrund stand. Aber das ist eine andere Geschichte...

Erstaunlich, wie man da wieder reinfinden kann, mitten rein in 50 Jahre alte Erinnerungen...
__________________
lg
Hobo
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  #7  
Old 23.12.2011, 16:59
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Ja, gern ,Hobo! aber zunächst, da heute der 23. dezember ist,möchte ich hier "Allen", d.h. jenen, mit denen ich bisher bekanntschaft im einen oder anderem forum machen und diskutieren konnte, meine herzlichsten wünsche für ein besinnliches und zugleich fröhliches weihnachtsfest wünschen; möget ihr alle mit zuversicht, eines bleibenden jobs sicher und euch guter gesundheit erfreuend, in das neue jahr hinüber-
wechseln.

Wo ich gerade vielleicht das auge, bzw. ohr, von einigen von euch zu haben hoffe, möchte ich hier einen tipp geben für eine einmalige ausgabe, die sich lohnt, fand ich heraus: Wer in einer wohnung wohnt, deren fensterbänke aus einer art kunst-"Marmor" gemacht sin, wird feststellen können, w i e kalt die sind und auch solche kälte ausstrahlen und daher raumwärme anziehen, bzw. dem raum entziehen, also energie vergeuden. ich habe daher alle fensterbänke mit, entweder resten oder neuem, passend zum übrigen raum gekauftem muster/farbe-material belegt. ach, fühlt sich das angenehm an- und sieht heimelig aus. zudem, wer eine katze hat, weiss, dass die gern auf eine fensterbank springen um nach draussen zu gucken. Auf eine belegte fensterbank haben sie viel besseren halt und rutschen nicht auf der glatten- und k a l t e n oberfläche. da katzen um das untere körperende unterwärts wenig behaart sind, sitzen sie oft länger auf einer kalten, da bloßen unterlage mit möglichem schaden für die blase. Roger-over. Joanne
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  #8  
Old 23.12.2011, 18:23
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So, und nun lasse ich eine kleine (dramatische) geschichte folgen:
wir, eine kleine gesellschaft von freunden saßen zusammen und begannen das menue zu studieren. marion wählte eine französische zwiebelsuppe, überbacken mit käse. während wir unser essen verspeisten und fröhlich plauderten, fuhr marion plötzlich in die höhe, augenscheinlich in höchster atemnot; sie keuchte "help me, Kenneth (ihr mann)" und begann bläulich anzulaufen. da sei ich- so berichtete man mir später, denn hier setzt mein erinnerungsvermögen aus,-ebenfalls vom stuhl aufgesprungen, an den rand des podestes, auf dm unser tisch stand, getreten und habe laut in den großen essraum gerufen:"is there a doctor in the house"? daruf eilte ein herr auf unseren tisch zu-daran erinnerte ich mich dann wieder; mit den worten, ja, er sei arzt, befreite er dann die zu tod geängstete, mit einem spezialgriff aus ihrer notlage. Ein gezielter schlag auf das brustbein ließ marion die zähe käsemasse wieder ausstoßen und frei zu atmen. natürlich ging ein laut größter erleichterung durch den raum, denn das drama war inzwischen von allen bemerkt worden. für den retter gab es natürlich eine belohnunh, eine flasche besten weins.
nachdem eine heitere stimmung zurück gekehrt war, lachte man ein wenig darüber dass ich-was mir aber nicht bewusst war- mit meinen gerufenen worten den titel eines filmes, einer komödie, die gerade überall großen zuspruch fand, benutzt und ebenfalls hieß: is there a doctor in the house? (ich habe selbst den film nie gesehen, aber der titel war wohl irgendwie bei mir hängen geblieben),
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  #9  
Old 24.12.2011, 11:25
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@Joanne, danke für diese kleine Geschichte. Ja, sowas habe ich gemeint, Begebenheiten an die wir uns erinnern, aus welchen Gründen auch immer. Einige weil sie dramatisch waren und andere, weil sie einen gewissen Einfluss auf unser Leben hatten.

So wie der kalte Krieg auf meines...

Ja, 1963, die Kubakrise. Wir hatten uns ja schon als alte Hasen des kalten Kriegs gesehen und eigentlich kehrte nach dem Mauerbau wieder eine trügerische Ruhe ein. Der Blendschutz blieb zwar, aber die Übungen fanden nicht mehr so oft statt. Wir dachten es wäre überstanden und nahmen unseren Schulalltag mit den üblichen Raufereien und Späßen wieder auf.

Aber schon zwei Jahre später bemerkten wir Knirpse wieder eine schleichende Veränderung. Was heutzutage schon seit langem verboten ist, das war früher gang und gebe. Ich meine Tiefflüge von Kampfjets über Städte und mit Überschallgeschwindigkeit. Das hat jedesmal unglaublich gescheppert, alle sind furchtbar erschrocken und die Fensterscheiben haben gewackelt.

Cold War Kids II

Im Laufe des Jahres 1963 nahmen diese Flüge drastisch zu. Irgendwann bekamen alle Schulen und Haushalte ein Merkblatt der Regierung, auf dem alles Stand, was im Kriegsfall zu tun sei. Wieder legte mein Vater große unverderbliche Nahrungsvorräte im Keller an. Und in der Schule wurde wieder Klassenweise geübt wegzulaufen. Auf dem Schulhof wurden farblich gekennzeichete Sammelstellen für jede Klasse aufgemalt. Es kamen Polizisten in die Klassen und auch Katastrophenschutzspezialisten und hielten uns Kindern Vorträge. Wir mochten das, es war besser als der normale Unterricht und meist auch recht spannend. So wie Cowboy und Indianer spielen. Sie versuchten uns tatsächlich zu erzählen, dass es Möglichkeiten gäbe, sich vor atomaren Mittelstreckenraketen zu verstecken. Heute hört sich das rührend naiv an. Damals wurde da ein großes Rad gedreht.

Und dann war es in den Nachrichten. Die Amerikaner hatten den Sowjets ein Ultimation gestellt. Wir erfuhren von einem Cousin, der gerade seinen Wehrdienst ableistete, dass es "echten" Natoalarm gab und alle Kampftruppen an die Grenze verlegt wurden. Mein Cousin irgendwo im bayrischen Wald, direkt am "eisernen Vorhang". Die Amis stellten ihre Mittelstreckenraketen entlang der Grenze auf und etliche Schüler kamen nicht mehr in die Schule. Die Klassen wurden zusehends kleiner. Auf meine Frage hin, sagten mir meine Eltern, das seien die Kinder von reichen Leuten, die ihre Kinder in die Schweiz und nach Südamerika gebracht hätten. Viele Reservisten mussten sich umgehend bei ihren Standorten melden, es war gruselig. Nicht nur für uns Kinder.

Meine Mutter hat bei den Abendnachrichten oft geweint und vom Krieg gemurmelt und auch mein Vater hat "diese Kriegstreiber" wie er sie nannte lauthals verflucht. Und wir, wir hatten einfach angst und warteten darauf, dass die Bombe auf uns fällt und sich alles in Luft auflöst.

Fast lustig wiederum waren die Bemühungen der Lehrer, uns zum Mitarbeiten in der Schule zu bewegen. Wer soll denn noch rechnen lernen, wenn sowieso alles ausgelöscht wird, durch einen einzigen Knopfdruck in Moskau oder Washington? Es machte sich ein seltsamer Fatalismus breit und ich weiß noch genau, dass die Menschen ihr Leben bewusster betrachteten und versuchten es zu genießen.

Letztendlich ist es noch mal gut gegangen...

Noch heute glaube ich, dass diese Ereignisse und Erlebnisse einen entscheidenden Einfluss auf die gesellschaftlichen Bewegungen der 60er Jahre hatten. So wie der Vietnamkrieg. Und ich zweifle, ob es eine 68er Bewegung ohne diese Erfahrungen je gegeben hätte. Und es ist kein Zufall, das die Cold War Kids an der Spitze der Friedensbewegung standen...

Ja, es war prägend, für jeden, der es erleben musste...
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Old 03.01.2012, 07:19
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Schon früh, ich glaube so ab 12 veränderte sich einiges. Nicht mehr jedes der Ereignisse kann ich genau einem Jahr zuordnen, in der Rückschau sind die Übergänge wohl auch fließend. So fließend, wie sich "unsere" Musik langsam aber sicher politisierte...

Cold War Kids III

So gut gemeint die Bemühungen meiner Eltern waren, mich mit Sport- und Klavierstunden von der großen Welt abzulenken, so sinnlos war es auch. Es muss 1966 gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal einen seltsamen Menschen, der ohne Band, nur mit einer Gitarre auf eine Bühne kam und mit einer unglaublich schlechten Stimme unglaubliche Texte sang. Stundenlang hab ich über seinen Texten mit meinen damals noch dünnen Englischkenntnissen gesessen und versucht zu verstehen was der da singt. Es war die Zeit, als die sogenannten Protestlieder auch bei uns bekannt wurden. Die erste LP, die ich mir je gekauft habe hieß "The Times they are a-changing". Der junge Mann hieß Bob Dylan.

Es gab ja noch kein Internet, im Fernsehen war der auch nie zu sehen, so hatten wir nur wieder die "Bravo" als Informationsquelle. Dort las ich auch zum erstenmal von Pete Seeger und Woody Guthrie. Diese drei haben meinen Musikgeschmack bis heute stark geprägt. Aber nicht nur den. Wer Musik von ihnen hört, der erfährt natürlich auch viel über den Vietnamkrieg und auch über die Rassenunruhen in Amerika, besonders zwischen 1966 und 68. Was das Wort "Bürgerrechtsbewegung" bedeutet und wer Martin Luther King ist. Ich war, natürlich in der Spur meines großen Bruders sehr früh dran, aber im Rahmen meiner "kleinen" Möglichkeiten habe ich mich schon damals als Teil der Protestbewegung verstanden.

Nicht nur mir ging das so, es wurde eine erstaunlich große Bewegung. Es gab Demonstrationen und oft eskalierten diese. Es gab regelrechte Studentenaufstände weiltweit und teilweise schlossen sich Arbeiterbewegungen an und die Regierungen gerieten in Not. Bei einer Demonstration gegen den Schah gab es den ersten Toten. Benno Ohnesorg. In Amerika wurde dann Martin Luther King ermordet.

Selbst im "Ostblock" kam diese Bewegung an, ich kann mich noch sehr gut an den Prager Frühling erinnern und auch an die Niederschlagung durch sowjetische Panzer. Wieder einmal rannte die Bundeswehr an die Grenzen. Alle hatten Angst, dass die Russen an der Grenze nicht halt machen und einfach weiter marschieren würden. Quasi alles in einem Aufwasch...

Wieder gab es Drohungen mit "der Bombe" und wieder wurden die Keller befüllt. Aber zum ersten Mal waren Menschen auf den Straßen und haben dagegen protestiert. Sowohl gegen die Russen, als auch gegen den Vietnamkrieg, eigentlich grundsätzlich gegen Krieg jeder Art. Die Friedensbewegung war geboren. Ich selbst war zum ersten Mal 1968 auf der Straße. Zwar erst 14 Jahre alt, aber trotzdem überzeugt und mit allen Erfahrungen eines Cold War Kids. Und das waren einige und tiefe.

Eine wüste Zeit war es. Aber zum ersten Mal ist den Regierenden wohl damals gezeigt worden, dass sich das "Wahlvieh" nicht mehr alles bieten lässt. Selbst im damals noch total verkrusteten Deutschland, mit seinen nazidurchdrungenen Eliten.

Und erstaunlicherweise waren es oft kleine Dinge, die die Veränderungen deutlich machten. Nicht zuletzt auch meine Haare, die 1968 locker bis an die Schulterblätter reichten. So wie bei allen anderen... Die Keimzellen waren die Familien, die verzweifelten Eltern, die ihre Brut nicht mehr autoritär im Griff halten konnten. Wurde die doch tatsächlich aufmüpfig...

Tatsächlich habe ich während des Schreibens dieser kleinen Geschichte einige Male Grinsen müssen. Bilder sind aufgestiegen und Gesichter haben Konturen angenommen, Gesichter, die ich längst vergessen hatte. Ganze Schulklassen, die ohne Ausnahme spontane Demonstrationen veranstalteten oder Sit-ins. Es war eine erstaunliche Zeit...
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