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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 23.09.2013, 00:29
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ChiaraBln ChiaraBln is offline
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ChiaraBln befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Der (Alb-)Traum

Nachdenklich rauchte sie ihre Zigarette und schaute, mit angezogenen Füßen auf dem Küchenstuhl sitzend, in den dunklen Flur als würde sie dort eine Lösung für Ihre Probleme und Sorgen finden.

Es war mucksmäuschen still an diesem Abend. Ihre Söhne hatten sich heute früher als sonst und noch dazu freiwillig ins Bett verabschiedet,
während ihr Mann nach dem Essen wortlos dorthin ins Schlafzimmer verschwand. Lediglich ihre kleine Tochter hatte sie noch ein wenig mit
ihrer eigenwilligen Art beschäftigt, bis auch diese sich zum Schlafen hat überzeugen lassen.

Nun schweiften ihre Gedanken mal wieder in die Zeit des kürzlich Erlebten.

In eine Zeit, wo sie dachte, endlich eine Lösung für alle Sorgen und ihren Kummer gefunden zu haben. Eine Zeit, wo sie dachte, ihren Traum leben zu können. Den Traum einer harmonischen Familie, in der Jeder Jeden akzeptiert. Ein Traum wo sie nicht permanent für den Wahnsinn anderer Rechenschaft ablegen muss und sich endlich verstanden fühlte.

Einen Traum, wo das Zwischenmenschliche und ein respektvolles Zwiegespräch an oberster Stelle steht, anstelle von herablassenden und wenig feinfühligen Wortgeschossen. Wo sie Keiner zwang, sich zu erklären - warum sie in manchen Dingen anders war als der Durchschnitt - oder warum sich manche Dinge im Leben eben leider nicht mehr "gerade biegen" lassen, ohne es daraufhin mit besserwisserischen Belehrungen von einem Menschen quittiert zu bekommen, der nicht wirklich nachvollziehen kann, wie sie sich fühlte oder oft fühlt.

Als der Traum anfing, dachte sie, einem Menschen begegnet zu sein, der weiß, wie schmutzig und schmerzvoll es sich anfühlt, wenn man gegen seinen Willen benutzt, über den eigenen Körper durch Andere, gegen den eigenen Willen, verfügt wird. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich verstanden. Vielleicht war das der Grund, warum sie sich nach und nach mehr bei diesem Menschen öffnete, als sie es bisher in ihrem ganzen Leben tat. Wie sollte sie auch ahnen können, daß dieser Mensch in der Lage und von solch dreckigem Charakter geprägt ist, all das zu erfinden und zu benutzen, um sie, wie viele Andere, zu benutzen?!

Ihre Augen brannten wie Feuer als sie ihre Zigarette ausdrückte. Es war jedoch kein Qualm, der ihr in die Augen gestiegen ist, sondern der tiefe Schmerz der Enttäuschung und des Entsetzens, der sich aus ihrer Mitte zu den Augen drückte. Wie so oft seitdem hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen vor Schmerz. Aber die Tränen schienen ihr ausge-gangen. Nur selten noch war sie in der Lage, wirklich zu weinen. Sie unterdrückte den Schmerz so gut es ging, weil sie wußte, würde sie auch nur eine Träne in diesem Zusammenhang zulassen, würde sie so schnell nicht mehr aufhören können.

Zuviel hatte sie bereits im Vorfeld durchleben müssen und zu wenig Zeit blieb ihr, um das jemals wirklich im Einzelnen verarbeitet zu haben. Kein Mensch zuvor hatte sie jedoch so belogen und dadurch zu tiefst verletzt.

"Ich versteh' das alles nicht. Das ist alles so irreal. Mein Traum ist ein Albtraum." hörte sie sich leise flüstern.

Sie starrte auf ihre Unterarme und ertappte sich bei Gedanken, wie sie sie früher vor langer Zeit schon einmal hatte.

"Einmal nur dem Schmerz ein "Gesicht" geben. Einmal nur wieder fühlen, dass ich wirklich lebe."

Sie schüttelte sich und war gleichzeitig wütend auf sich selbst, daß sie diesen Gedanken auch nur im Ansatz zuließ. Seit ihrer Jugend hatte
sie sich nicht mehr geritzt.

"Und das soll gefälligst auch so bleiben, schließlich bin ich Mutter, verdammt nochmal." hörte sie sich selbst ermahnen.
Sie fühlte sich so leer und so erschöpft. Sie war müde, des Lebens müde geworden. Einzig und alleine ihre Kinder, so viel Anstrengung und Kraft sie auch kosteten, verhalfen ihr hier und da immer wieder einmal zu einen Lichtblick. Wenn es auch nur der erste Erfolg auf dem Töpfchen ihrer Tochter war. Doch das waren auch genau die Momente in ihrem Leben, die ihr zeigten, wofür sie sich so quälte.

Außer schmerzhaften Seitenhieben hatte sie von dem Mann, dem sie einst den Rücken zukehrte, wohl Nichts mehr ernsthaft zu erwarten.

Dabei hatten sie doch erst vor Kurzem beschlossen, einen Neuanfang zu versuchen. Alleine schon um der gemeinsamen Tochter Willen. Doch zu oft schossen seine Worte mittlerweile gezielt wie kleine Pfeile mitten in's Herz und zu oft gab er seinem Hohn ihr gegenüber Ausdruck.

"Wofür eigentlich?" fragte er sie neulich.

"Ja, wofür, das frage ich mich auch. Zerbrochen bin ich schon, leer auch, aber man kann mich natürlich noch ein wenig mehr schänden, das
ziert dann das eigene Ego, das wird's wohl sein" sinnierte sie traurig.

Loyal ja, treu auch aber Feinfühligkeit und Gefühl oder auch Respekt sucht man vergebens. Verständlich, daß auf die Dauer auch ihr Fell zusehends dünner wurde und sie entsprechend im Gegenzug reagiert, was dann auch wieder nur ihr angekreidet wird, denn einen respektvollen Umgangston oder ein wenig Feingefühl hat sie allem Anschein nach wohl nicht verdient.

Sie erwischte sich, wie sie gedankenversunken ihre Fingernägel in ihr Handgelenk krallte.

Ihr war klar, daß ein Neuanfang schwer würde, für beide Seiten. Jedoch tat sie alles ihr menschenmögliche um ihm den Rücken für seine Bedürf-nisse freizuhalten. Seien es nun Arzttermine oder auch mal notwendige Auszeiten Zuhause, wo er sich zurückzog und sie dann versuchte die Kinder zu beschäftigen oder mit ihnen rausging. Um die Wäsche und den Rest des Haushaltes mußte er sich auch kaum kümmern, obwohl sie selbst längst körperlich an ihren Grenzen angelangt war. Für ihre eigenen Termine oder Bedürfnisse am Rand blieb da nur kaum Zeit und Raum.

Nicht einmal ihre Sorgen oder Schmerzen konnte sie mehr mitteilen, ohne daß sie dafür gleich mit spottendem Blick abgetadelt wurde, da neben ihm und seinem Krankenstatus eh Nichts Bestand hat.

"Als sei das ein Wettbewerb...aber selbst Rücksicht und Mitgefühl haben wollen und auch gut genießen soweit möglich" hallte es in ihrem Kopf.

Dennoch schien alles nicht gut genug zu sein und anstelle einer Schulter, gab es nur spitze Bemerkungen, Spott und Hohn. Die eigenen Unzuläng-lichkeiten wurden dabei, wie so oft schon in der Vergangenheit, was sie irgendwann erst von seiner Seite weggeführt hatte, völlig außen vor gelassen, denn da gab es ja keine. Diverse Dinge, die im Hintergrund liefen und von denen sie wohl keine Ahnung zu haben hatte, wurden ebenfalls verdeckt gehalten. Sie war ja eh naiv und lebensfremd in seinen Augen.

Somit war sie natürlich auch die Verräterin, die Alles einfach nach Lust und Laune einfach mal so hingeschmissen hatte. Dass sie dabei jederzeit fair war, ihn weder rausgeschmissen noch was hat auf ihn kommen lassen, scheint dabei ebenfalls völlig egal zu sein. So konnte und wollte er natür-lich auch nicht sehen, daß sie ihre Entscheidung damals darum getroffen hatte, weil sie sah, daß er an ihrer Seite unglücklich gewesen schien, was sie eben nicht wollte. Ebenfalls war das Vertrauen durch die Heimlichkeiten
seinerseits gut angeschlagen, was ja dann wohl auch ihr Fehler zu sein schien, schoss ihr als Gedanke durch den Kopf.

"Egal, dann bin ich wohl jetzt nur noch die Schlampe für ihn" seufzte sie leise, während sie eine Kanne Kaffee aufsetzte.

Denn so fühlte es sich an, wie er mit ihr seit Wochen umging. So und nicht anders und dieser Schmerz gesellte sich nun zu dem Anderen hinzu.

"Schlafen...einfach nur einschlafen und nie wieder aufwachen müssen, nie wieder Spott und Hohn, nie wieder Lügen, nie wieder Schmerz"

Mit diesen Gedanken begab sie sich ins Wohnzimmer und sackte auf ihrer Couch müde und erschöpft zusammen, wohl wissend, daß das wieder für entsprechende Reaktionen unter vorgehaltener Hand ihr gegenüber quit-tiert werden würde, wenn man sie so auffand.

Hielt man sie anscheinend noch dazu für so intellektuell minderbemittelt, daß man meinte, sie wüsste nicht, was hinter ihrem Rücken gesprochen
würde. Mit dem üblichen Brennen in den Augen, durch die Tränen, die sie unterdrückte, schlief sie ein.
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