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Ernste Diskussionen Themen mit etwas mehr "Tiefgang", welche weder so richtig in "Smalltalk" noch in "Politik & Wirtschaft" passen

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  #21  
Old 02.12.2009, 22:35
Red's Avatar
Red Red is offline
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Red befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default „Mutig...

...sind die, die sich mit der Krankheit auseinandersetzen, mein Mitleid haben jedoch die, die selber erkrankt sind, dieses in Alkohol und Medikamenten ertränken und Leidensgenossen beschimpfen, lächerlich machen und angreifen, da sie sich sonst mit sich selber und den unübersehbaren Symptomen auseinandersetzen müssten.“ (Diamond)

Sich mit der Krankheit auseinander zu setzen ist mutig. Wenn es auch manchmal der Mut der Verzweiflung ist. Diese Menschen gehen auf ihre Ängste, ihre Selbstzweifel zu. Sie sind bereit, Wunden, Narben noch einmal zu öffnen und bluten zu lassen. Sie sind bereit, sich und ihre bisherige Sicht auf ihr Leben in Frage zu stellen, Sie kämpfen um den kleinsten Fortschritt, den kleinsten Lichtblick. Manchmal ihr ganzes Leben lang. Aber sie gehen nach vorne! Ins Ungewisse, Neue, Unbekannte. Das macht manchem „gesunden“ Menschen bereits Angst und lässt ihn stagnieren.

Die, die sich so verhalten wir Du sie beschreibst, haben in der Krankheit bereits etwas verloren, das es ihnen unmöglich macht, aus eigener Kraft Hilfe zu suchen, zu erkennen, dass sie Hilfe brauchen:
das Gefühl, das Wissen, dass wir alle, auch sie, menschliche, verletzbare Wesen sind. Ihnen ist jede Fähigkeit der Empathie bereits verloren gegangen. Sie sehen in anderen Menschen nur noch ihr eigenes Grauen. Die Entscheidung, sich helfen zu lassen, wird
ihnen irgendwann von außen abgenommen. Wenn sie Glück haben.

Es gibt übrigens noch andere Suchtmittel als Medikamente, Alkohol oder Rauschgifte (stoffgebundene Suchtmittel), nämlich stoffungebundene Süchte (Abhängigkeiten oder Tätigkeiten) Sie KÖNNEN durch oder in Verbindung mit Depressionen auftreten.

Bei Depressionen „kämpft“ man nicht immer „nur“ an einer „Front“.

„Wollte ich dich loswerden,
Müsste ich mich selbst vernichten“ ("Anne")


Den Satz empfand ich im ersten Moment als eine „Aufforderung“ zum Suizid. Mir sträubten sich die Nackenhaare. Es las sich so hoffnungslos und endgültig.
Aber er ist im Konjunktiv geschrieben. Dadurch wird er realistisch und gleichzeitig optimistisch. Ich verstehe ihn jetzt als ein Akzeptieren der Krankheit, Leben wollen trotz (mit) dieser Krankheit.

„Er meint, dass eben nicht betroffene Menschen wesentlich emotionaler reagieren und auch leben.“ (Hobo)

Das sehe ich auch so. Als Depressiver hat man ein extrem eingeschränktes Gefühls/Emotions-Spektrum auf einem unter Null-Level bis hin zu, in Extremfällen, Gefühls/Emotionslosigkeit, Und wenn man überhaupt etwas fühlt, sind es zum größten Teil „negative“ Gefühle/Emotionen, oft völlig unabhängig von der „realen“ momentanen Situation.

„Ja, Red. So sieht es jemand, der noch steht.“ (Hobo)

Der wieder steht! Und wieder und wieder ... ;-)

„Nur dort, also organisch, kann sie bekämpft werden.“ (Hobo)

Vermutlich ist das eine Frage der Interpretation des Wortes „organisch“ oder der "Schule" des Therapeuten oder der Art der Depression. Jedes Kind braucht einen Namen. Der eine nennt es so, der andere so. Bei dem einen mag der Auslöser organisch sein oder die Krankheit organisch, bei dem anderen ist der Auslöser z.B. tiefe seelische Verletzung und Kränkung in der Kindheit oder ein traumatisierendes Erlebnis im Laufe des Lebens.

Letztlich ist die Bezeichnung irrelevant. Hauptsache Du hast einen Therapeuten und einen Weg gefunden, die Dich wieder zum Licht bringen, dass Du Dich angenommen und verstanden fühlst.

Das wünsche ich jedem Betroffenen.

Lieben Gruß

Red
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  #22  
Old 03.12.2009, 01:47
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Butterfly_Lady Butterfly_Lady is offline
Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ p.i.m. - V.Bydal
 

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Butterfly_Lady befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
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Red, Pilo....

ohne Euch grossartig in Euren Worten zitieren zu wollen... ich denke, dass ihr eine/r Derjenigen seid, die sich wirklich mit der Problematik im Ernsthafteren aus'andergesetzt haben bzw. aus'nandersetzen; die es sicherlich auch gut verstehen, sich mit "Betroffenen" zu befassen.

Depression ist wirklich kein Stimmungs-Tief, weil's Wetter vllt. gerade mal nicht passt, sondern es ist 'n Gefühlszustand, welcher schwerlich nur für "Gesunde" nachzuvollziehen bzw. begreiflich darstellbar ist und wie Pilo schon... mit seinen eigenen Worten meinte... es ist nicht zu 100% heilbar.

Da ich seit Jahren selbst z.T. schwer an Depressionen leide, ist gerade dieser Thread nun mehr als interessant für mich, denn auch wenn ich innerlich "kaputt" scheine/bin, so ist mein Hirn mehr als noch intakt und ich applaudiere innerlich mehr denn je dafür, dass es Menschen gibt, die endlich mal mit ihrem Verständnis auf einen zugehen; die sich auch eigens hinsichtlich dieser Thematik weiterbilden, um Anderen... wenn auch oftmals unbewusst... weiterzuhelfen.

"Depression" ist durchaus ein sehr breitgefächertes Spektrum mit unzähligen verschiedenen Unterformen und man kann weiss Gott nicht jede "Macke", jeden "Tick" einer/s Depressiven nachvollziehen, doch man kann sich sicherlich wirklich mal 5 min. Zeit dafür nehmen, sein Gegenüber versuchen zu verstehen... dies wirklich mal zu wollen ... nachzuhaken, denn oftmals liegt die mitunter einfachste Hilfe im Zuhören, in der "natürlichen" Freundlichkeit, was heutzutage nicht (mehr) Gang und Gäbe ist....

Nicht Jeder/ Jedem, die/der mit dieser Krankheit zu kämpfen hat; ganz gleich, wie "schlimm" auch immer; ist's gegeben, sich darüber nun wirklich im Glasklarem zu äussern, doch gerade mit diesem Thread sollte doch ersichtlich werden, dass "IHR" Gehör findet, dass man "Euch" vom Rande der Gesellschaft wieder etwas in die Mitte holt und dass es immer irgendwo wen gibt, der sich "Eurer" annimmt. Und ich mag nicht wissen, wieviele Betroffene es wirklich gibt, welche nur die Klappe halten, um nicht gehänselt, verstoßen .. denunziert zu werden.


Ein kleines "Danke" für diejenigen, die sich dies' ein paar Augenblicke lang durch den Kopf gehen lassen, um zu verstehen ... um zu begreifen....


Victoria
__________________
أنا بحبّـك

...die wirklich schönsten und intensivsten Momente sind die, die sich mehr in Stillem und Schleichendem ergeben und sich somit auf ewig im Bewusstsein verankern... (V. Bydal)
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  #23  
Old 04.12.2009, 21:25
hobo's Avatar
hobo hobo is offline
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Join Date: 23.02.2008
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hobo befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Hm, Depri...

Ich habe lange nachgedacht, ob ich hier antworten soll oder nicht.

Meine Erfahrung und die, von einigen, die ich inzwischen in entsprechenden Foren hier im Internet gefunden haben, die sprechen eine klare und eindeutige Sprache.

Die Betroffenen, wie auch ich, reder nicht darüber, die "Freunde" können das Verhalten nicht verstehen. Ja, man zieht sich zurück. Hatte es ja schon gesagt, ich hatte es versucht, die Antworten waren einfach toll, immer das gleiche, "reiß dich zusammen", "bewege deinen Arsch", "tu was, mach mal", "du ruhst dich nur aus", sowas alles.

Und klar, wer will, der kommt da wieder raus, ist ja nur eine Depression.

Ich kann da natürlich nicht mehr mitmachen und bin jetzt zeimlich alleine. Aber das ist viel besser, als sich so einen unausgegohrenen Mist anzuhören.

Noch hab ich meine Darter. Die stehen hinter mir. Hab halt Glück.

Was ich sagen will ist einfach: Die Krankheit wird nicht anerkannt. Sie ist extrem schlimm und führt bei 25% der Betroffenen zum Tod. Wir haben hier in Deutschland fast 12.000 Tote. Wahrscheinlich mehr, die nicht als Suizid erkannt werden. Aber niemand will es verstehen.

Ich meine natürlich die Endstufe, die Majordepression, die nicht zu bekämpfen ist mit pillen...

Und zum guten Schluss, es ist vollkommen egal, was der Auslöser war, in der Phase muss aggressiv mit Medis eingegriffen werden, es ist dann rein organisch. Es fehlen Botenstoffe im Kopf. Warum ist dann egal. Erst mal Menschenleben retten, dann mal weiter kucken.

Sorry, ich wollte gar nicht schreiben, aber ich bin sauer. Wenn man betroffen ist und man liest Urteile über sein Leben von Menschen, die mal 3 Artikel dazu gelesen haben, dann ist das schwer.

Es ist leider so, dass es so bleiben wird, trotz Enke und trotz dem anderen Fussballer. Die sind ja interessant. Einfache Menschen eben nicht.

Ein müder Hobo hofft, dass ihr mal nachdenkt...
__________________
lg
Hobo
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  #24  
Old 05.12.2009, 00:16
doberle doberle is offline
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nachdenken ist eine Seite, verstehen eine ganz andere. Und ich denke, die meisten Menschen (und dazu zähle ich mich auch) verstehen diese Krankheit nicht. Wir wissen zwar, dass es eine Krankheit ist, aber wir wissen nicht, wie man mit einem daran Erkrankten umgehen soll, wenn man gar nicht weiss, dass er an Depressionen leidet. Nun weiss ich durch deine Offenheit zwar, dass du offensichtlich hochgradig depressiv bist, verstehen kann ich es trotzdem nicht. Denn offensichtlich hilft weder Liebe (siehe Frau Enke) noch „dämliche Bemerkungen“ (wie vielleicht gerade jetzt mein Beitrag). Was nützt mir nachdenken, wenn ich z.B. Menschen in meiner Umgebung nicht anmerken kann, dass sie eine depressive Zeit durchmachen? Und selbst wenn ich es weiss, was kann ich tun, wie helfen?
Du und ich, wir haben vor Jahren nächtelang durchgeschwatzt. Warst du da schon depressiv?
Hab ich es nicht bemerkt? Was können wir tun, um euch über die depressiven Phasen weg zu helfen? Vertragt ihr Erkrankten trotz einer Phase, dass man sich „normal“ unterhält, auch Späßchen macht?
Ich denke nach, immer wieder und komm zu keinem Ergebnis. Aber ich wünsch dir von ganzem Herzen, dass du dich trotzdem nicht unterkriegen lässt von dieser Scheiß-Krankheit (auch wenn das jetzt wieder ne blöde Bemerkung von mir war).

Alles Gute Hobi

von Dobi
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  #25  
Old 05.12.2009, 02:37
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hobo hobo is offline
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Join Date: 23.02.2008
Location: Rhein-Hessen
Posts: 440
hobo befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
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Erst mal Hallo, freue mich, dass Du noch fit und da bist.

Es ist nicht einfach Dir jetzt so einfach eine Antwort zu schreiben. Ehrlich. Weil, es ist viel komplizierter. Da ich nur mich selbst hier vertreten kann und auch nur das tue muss man das als sehr subjektiv einschätzen.

Zu deinen Fragen. Nein, man kann nicht helfen. Keine Chance. Außenstehende werden nichts merken, werden keine Zeichen erkennen, wenn der Betroffene es nicht will. Er sieht aus wie immer, kann, so er keine soziale Phobie entwickelt, wie die meisten, auch immer lächeln, über Witze lachen und dann um die Ecke gehen und sich umbringen.

Das ist immanent, da kann keiner was helfen oder glauben er hätte helfen können. Aber, wenn man denn weiß, dass etwas nicht stimmt mit jemandem in seinem Bekanntenkreis, wenn es auffällt, dann sollte man schon auf ihn einwirken, sich in professionelle Behandlung zu begeben.

Mehr ist nicht möglich, also brauchst du auch nicht nachdenken, Dobi.

Schlimm ist eigentlich nur, dass die Krankheit gesellschaftlich geächtet ist. Die Betroffenen werden als Schwachmaten oder Weicheier gesehen und genau deshalb bleiben sie da wo sie sind. Ein Krebskranker wird sehr bedauert und man "fühlt" mit ihm, wünscht ihm, dass er es überlebt. Nicht so bei schwer Depressiven. Die kommen in die "Idiotenecke" und bleiben unverstanden.

Das ist kein Vorwurf. So ist das halt in unserer Gesellschaft. So wie Dir geht es allen, man kann es sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn das Licht ausgegangen ist. Wenn nur noch Dunkelheit da ist. Immerhin gab es mal Berichte in der seriösen Presse darüber. Aber Enke ist länst tot, alles ist vergessen.

Wünsche Dir alles gute Dobi, hab ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich was von Dir lese.
__________________
lg
Hobo
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  #26  
Old 06.12.2009, 00:16
doberle doberle is offline
Chatter und Forenschreiber
 

Join Date: 21.02.2008
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Posts: 52
doberle befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Hallo Hobi

ich freu mich, dass du geantwortet hast, aber so richtig befriedigt hast du mich nicht ;-).
Also habe ich mal in den Depressions-Foren bisschen rum gelesen, weil ich nicht wissen will, was Mediziner oder Therapeuten erzählen, sondern wie Betroffene (Erkrankte oder Angehörige) mit dieser Erkrankung umgehen.
Es hat mich ziemlich erschreckt, dass fast-noch-Kinder schon unter Depressionen leiden und mit 30 Jahren schon mehrere Suizid-Versuche hinter sich haben.
Aber ich habe auch gelesen (wenn auch nicht so sehr oft), dass die Krankheit ihren Schrecken verlieren kann, wenn man sie annimmt, sich damit auseinander setzt, also weiss, dass man krank ist. Und ich hab auch gelesen, dass das ein verdammt schwerer Weg ist, bis man vielleicht sagen kann „hallo Leben, du hast mich wieder“.
Und du hast Recht, dass diese Gesellschaft nicht gut für Depressionskranke ist.
Aber man muss ja nicht mal Depressionen haben, um in irgendeine Ecke gestellt zu werden, man braucht nur nicht „mitspielen“ bei dieser Jagd nach Spaß, Sex, richtigem Styling und Geld und schon ist man Außenseiter. Wenn alles andere im Leben stimmt, dann kann man damit umgehen, ohne in ein schwarzes Loch zu fallen.
Was ich aber auch aus den Beiträgen raus gelesen habe, jeder Erkrankte kann sich nur selbst helfen, sicher mit Hilfe von Medikamenten, aber auch mit Willen, indem man mit etwas abschließt, wenn man es denn kann. Schlimm und schmerzlich und sehr schwer, aber es ist möglich.
Und ich wünsche dir, dass du es schaffst, diesen extrem schweren Weg zu gehen.
Scheiß auf diese Gesellschaft, Hobi, es geht um dich und nur das ist wichtig.

Auch wenn du es nicht magst, es dich anödet, aber Kopf hoch, denn dafür ist ein Kopf da, dass man ihn hoch hält.
Und wenn du jetzt wieder mal lächeln kannst, ohne schauspielern zu müssen (ich seh es ja schließlich nicht ;-)), dann wäre das toll (für mich) ;-).

Aber nun lass ich dich in Ruhe mit meiner Hartnäckigkeit, etwas verstehen zu wollen J.

Liebe Grüße von EF nach MZ und irgendwie trotzdem einen einigermaßen schönen 2. Advent wünscht dir

Dobi

NS:. und les hier nicht wieder nachts halb drei rum, schlaf da mal ein bisschen :-)
(Ich weiß, ich bin unmöglich und versteh nichts, aber ich werde mich wohl nicht ändern. Da hab ich auch schon viel zu viel durch :-))
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  #27  
Old 06.12.2009, 04:23
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sun6262 sun6262 is offline
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Join Date: 21.02.2008
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sun6262 befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Vielleicht ein wenig Offtopic?

Mit großer Neugier auch etwas nachvollziehen zu können, da Depressionen auch in meinem näheren Umfeld vorkommen, möchte ich vielleicht etwas naive, aber dennoch aufrichtig gemeinte Fragen stellen. So allgemein, an alle, die sich hier eingebracht haben.
In meinem Umfeld kamen 2 Dinge zusammen. Zum einen eine Disposition zur Depression durch eine ( andere Erkrankung) die mit ursächlich für diese sein kann. Zum anderen ein deutlicher Aussenseiterstatus.
Damit wären wir wieder bei dem zwischenmenschlichen Umgang in dieser Gesellschaft.
Kann eine Aussenseiterposition nicht erheblich zur Neigung zur Depression beitragen oder sie sogar verursachen? Vor allem dann, wenn es sich um einen ohnehin introvertierten Menschen handelt?
Wenn man am Rande der Gesellschaft lebt, ständig in Ablehnung, ständig negativ auffallend, weil mit nicht dem Strom schwimmen will oder kann?
Meine Fragen sind nicht so zu verstehen, als würde diese Erkrankung ebenfalls lächerlich sehen, sie sind ernst gemeint.
Vielleicht zur Erklärung:
Mein Eindruck ist nämlich, das unsere Gesellschaft erheblich dazu beiträgt, Menschen krank zu machen. Ständige Angst, permanenter Druck löst doch- auch körperlich- krank zu machen.
Kann das nicht eine Entwicklung werden, die weder Anfang noch Ende hat?
Nochmal, es geht mir nicht bewerten oder verurteilen, sondern um den Wunsch zu verstehen.
Lieber Hobo, kämpfen lohnt sich immer. Ich ziehe meinen Hut vor Dir, so mutig zu sein, Dich zu dieser Erkrankung zu bekennen.
Und ich möchte hier einmal klar artikulieren, dass ich es klasse finde, dass hier auch solche *Gespräche* möglich sind.
__________________
Man kann 20 Jahre die gleichen Fehler machen und dies dann 'Erfahrung' nennen
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  #28  
Old 08.12.2009, 06:27
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BluesB4Sunrise BluesB4Sunrise is offline
Homo Sapiens Forensis
 

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Default Teufelskreise

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Originally Posted by sun6262 View Post
Kann eine Aussenseiterposition nicht erheblich zur Neigung zur Depression beitragen oder sie sogar verursachen? Vor allem dann, wenn es sich um einen ohnehin introvertierten Menschen handelt?
Wenn man am Rande der Gesellschaft lebt, ständig in Ablehnung, ständig negativ auffallend, weil mit nicht dem Strom schwimmen will oder kann?
Hallo Sun, es sind 2 verschiedene Paar Schuhe, die sehr ähnlich aussehen, sich ähnlich anfühlen und dennoch in ihrer Ursache unterschiedlich sind.
Ich versuche, es naiv zu erklären, obwohl die Wirkungsmechanismen wesentlich vielschichtiger sind:


1. die körperliche, ganz auf den Betroffenen bezogene Depression

All unsere Empfindungen sind im Prinzip chemische Reaktionen im Gehirn.
Teile des Gehirns senden Signale aus, die von anderen Teilen empfangen werden müssen. Um diese Informationen transportieren zu können, sind Botenstoffe nötig.
Bei einer behandlungsbedürftigen Depression wie von Hobo beschrieben, ist der Stoffwechsel bei einigen speziellen Botenstoffen im Gehirn gestört. Sie werden entweder nicht in ausreichender Menge produziert, oder können nicht weitergeleitet werden.
Das Resultat: Der Mensch verliert die Fähigkeit zu jeglicher (positiver) Empfindung.
Es bleibt ein Gefühl von Leere, Sinn- und Nutzlosigkeit, Trägheit durch nicht vorhandenen Antrieb und ein stets wachsendes Gefühl, seinem Umfeld zur Last zu fallen - und, das darf man nicht vergessen: Es ist tatsächlich eine Last, einen depressiven Menschen um sich zu haben. Dies wiederum belastet den Erkrankten oftmals zusätzlich.
Ein Teufelskreis beginnt...
Teufelskreise, Denkspiralen und Grübelfallen sind übrigens kennzeichnend für eine depressive Erkrankung.
Wie in dem zitierten Gedicht beschrieben, fällt die Antriebsarmut mitunter so stark aus, dass man nicht die Energie aufbringen kann, dem allem etwas entgegen zu setzen, obwohl man sich verzweifelt danach sehnt, diesen Zustand zu beenden.
(Deswegen wird vielfach bei schweren Depressionen ein Klinikaufenthalt verordnet, wenn man eine medikamentöse Therapie beginnt. Viele Medikamente sind zunächst einmal antriebssteigernd, bevor sie ihre eigentliche Wirkung entfalten, was oftmals dazu geführt hat, dass die Patienten bei Beginn der Behandlung "endlich" die Energie aufbrachten, ihre selbstzerstörerischen Gedanken umzusetzen, bevor sie soweit waren, zu erkennen, dass diese Gedanken nur Resultate ihrer Erkrankung sind)

Man kann eine Depression gut mit einer emotionalen Lähmung beschreiben, oder ein Bild nehmen, um sich den Zustand begreifbar zu machen:
Stell dir eine Geige vor und alle Stimmungslagen, die man mit diesem Instrument ausdrücken kann. Sie soll als Bild für eine gesunde Emotionalität gelten.
Ein gesunder Mensch entspricht einem geübten Geiger, der in der Lage ist, die Bandbreite aller Emotionen mit Hilfe dieses Instruments zu empfinden und sie auszudrücken.
Es ist eine Freude, solchen Menschen zu begegnen, mit ihnen gemeinsam zu spielen, oder ihnen einfach zu lauschen.
Bei einer Depression sind die Saiten der Geige zu schlaff, so dass sie keinen Ton mehr produzieren können und/oder der Bogen ist zu schlaff, um eine Saite zum Schwingen zu bringen.
Wenn überhaupt, produziert diese Geige Töne, denen niemand gerne lauscht.
Der Geiger verliert damit (noch) nicht seine Fähigkeit, sein Instrument zu spielen, sondern nur sein Instrument ist nicht in der Lage dazu, seine Emotionen zum Ausdruck zu bringen, bzw. diese anzuwenden.
Je länger dieser Zustand andauert, desto mehr wird der Geiger jedoch auch seine Fähigkeiten verlieren und sich weiter zurückziehen.
Er isoliert sich zunehmend, konzentriert sich zunehmend auf seine Unfähigkeiten, wird empfindlicher, sieht alles negativ und findet weder Weg noch Ziel, aus diesem Tief herauszukommen.
Er braucht jemanden, der ihm sein Instrument "repariert" (das ist in dem Falle der Psychiater, der z.B. medikamentös eingreift und die Depression behandelt) und es ist auch sehr sinnvoll, jemanden zu finden, der ihm hilft, seine Geige selber nachzustimmen, wenn sie an Spannung verliert (das ist der Therapeut, der ihm auf psychologischer Ebene hilft, mit seiner Krankheit umzugehen.) Leider fehlt vielfach die Kraft und Energie, sich in solchen Momenten auf den mitunter schweren Weg zu machen, sich Hilfe zu suchen.

Eine psycho-therapeutische Behandlung ist in einer akuten, schweren Depession oftmals nicht möglich, wenn nicht zuvor durch medikamentöse Therapie die Grundlage dafür geschaffen wurde, dass sie überhaupt anschlagen kann.
Eine multidisziplinäre Behandlung ist in den meisten Fällen indiziert.
Grundlage dafür ist der ganzheitliche Ansatz, den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Teil seiner Gesellschaft anzusehen und der Versuch, die vielfachen Teufelskreise zu unterbrechen.


2. die soziale Komponente der Depression

Alle geistigen, psychischen und seelischen Einschränkungen, die nicht ins Wunschbild unserer Leistungsgesellschaft gehören, sind stigmatisiert.
Man bemüht sich zwar, im Sinne einer sozialen Gemeinschaft Rücksicht auf solche Menschen zu nehmen, aber Rücksicht bedeutet auch, sie nicht als "vollwertig" anzusehen.
Es fehlt auf gesellschaftlicher Ebene weitgehend der Gedanke, eben solche Menschen als Bereicherung anzuerkennen - und eben diese Rückmeldung: Du bist eine Bereicherung für mich! - braucht jeder Mensch.
Leute, die als Aussenseiter gelten, oder möglicherweise am Rande der Gesellschaft stehen, sind - um das Bild noch einmal zu bemühen - Geiger, die durch mangelde Anerkennung und das fehlende Gefühl von wirklicher Akzeptanz verlernen, die ganze Breite der verfügbaren Emotionalität spielen zu können.
Sie "trainieren" daher die eher leisen und eher traurigen, mitunter auch destruktiven und misantropischen Melodien und verlernen im Laufe der Zeit die lebensfrohen.
Die Symptome sind dann ähnlich: Der Mensch verliert die Fähigkeit zu positiver Empfindung.
Es stellt sich ein Gefühl von Leere, Sinn- und Nutzlosigkeit ein, dem Trägheit durch nicht vorhandenen Antrieb und ein stets wachsendes Gefühl, seinem Umfeld zur Last zu fallen folgen...
Man kann Körper und Geist nicht voneinander trennen.
Daher wird auch bei ausreichender Dauer einer solchen Gemütsverfassung/Lebenseinstellung der rein biochemische Stoffwechsel im Hirn sich in Richtung einer körperlich bedingten Depression entwickeln, ähnlich als liesse man seine Muskeln durch permanente Inaktivität verkümmern.
Der Teufelskreis beginnt...




Der gesellschaftliche Leistungsdruck führt immer häufiger dazu, dass sich mehr und mehr Menschen bei uns in eine solche Gemütsverfassung hineinmanövrieren.
Genau aus diesem Grunde sind Depressionen in den Industrienationen zunehmend bedrohend.
Im Prinzip ist dies alles längst klar: Unser Streben nach mehr Wohlstand, mehr Leistung, mehr Wachstum und mehr Konsum überfordert uns.
Unsere "moderne" Single-Gesellschaft macht uns krank und nimmt uns die Leistungsfähigkeit, die gebraucht wird, um diese Gesellschaft aufrecht zu erhalten...

Es ist nach meinem Gefühl ein guter Ansatz, sich dessen bewusst zu werden und offen darüber zu reden.
Es erfordert sicher Mut, es in ungeschütztem Rahmen anzusprechen, doch ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, dieses Thema nicht im Verborgenen in Fachforen und Communities von Gleichgestellten zu besprechen, sondern eben in diese "unangemessenen" Räume zu tragen, damit es bekannt wird un daus dem Abstrakten ins Konkrete getragen wird. Depression ist von Nichtbetroffenen schwer zu verstehen, aber es wird leichter, wenn sie ein "Gesicht" hat - und sei es nur ein Nick, den man aus anderen Zusammenhängen "kennt".


Ich hatte beruflich mit dieser Thematik zu tun und ich war ebenfalls mehrere Monate wegen schwerer Depressionen als Folge eines Burn-Out-Syndroms und posttraumatischer Belastungserkrankungen in stationärer Behandlung und ich weiss nicht nur aus der Theorie, wovon ich hier rede.

Ich wünsche Dir aus der Ferne alles Gute, Hobo, "alter Junge"
Ich weiss, dass aufmunternde Worte nicht wirklich etwas bringen, aber ich weiss auch, dass es hilft, Dir zu sagen: Du bist nicht allein !

Im Übrigens habe ich aus meiner hier aktiven Chatzeit den Eindruck behalten, dass die genannte Rate von 25% (zeitweise) Betroffener (unterschiedlicher Ausprägung) nicht ausreicht.


Bluesgruß
__________________
If you´ve ever had the Blues, you´ve got a hole in your soul
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  #29  
Old 08.12.2009, 08:37
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Ganz lieben Dank Blues für die Ausführliche Erklärung.
Nun ist mir ersichtlicher, wieso ADS (H)ler auch in der Pubertät zu Depressionen neigen. Auch ihnen fehlen Botenstoffe.

Allerdings fällt mir auch etwas anderes auf.

Aber wenn der Körper so ein *Stopp* braucht um sich vor der Reizüberflutung zu *retten*, ist dass doch eigentlich eine positive Reaktion unseres Körpers.
Er beendet eine uns schädigende Lebensweise um uns zur Ruhe zu zwingen.
Auch denke ich, dass diese Stigmatisierung schon eine deutliche Sprache spricht, sie spricht eine Beurteilung über unsere Gesellschaft.


Der Mensch bleibt auf der Strecke.
Dabei sollte es sich um den Menschen drehen!
__________________
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  #30  
Old 08.12.2009, 19:15
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Default Eine....

.... Depression KANN JEDEN treffen:
den „Außenseiter“ (von was ?), Menschen, die "voll im Leben" stehen, Männer, Frauen, Kinder, Alt und Jung, Manager, „Hartz4ler“ – wirklich JEDEN.

Es gibt keine „Zielgruppe“ für diese Krankheit, kein einheitliches, für jeden Betroffenen gültiges „Krankheitsbild“. 1000 Depressive – 1000 unterschiedliche „Gründe“, zusammentreffen von Auslösern, Vernetzungen von Einzelfaktoren.
Ein Ereignis, 1000 Menschen, 1000 Erlebnisse, 1000 Empfindungen, 1000 Auswirkungen.

„Aber ich habe auch gelesen (wenn auch nicht so sehr oft), dass die Krankheit ihren Schrecken verlieren kann, wenn man sie annimmt, sich damit auseinander setzt, also weiss, dass man krank ist. Und ich hab auch gelesen, dass das ein verdammt schwerer Weg ist, bis man vielleicht sagen kann „hallo Leben, du hast mich wieder“.“ (doberle)

Das sehe ich auch so. Aber bis man so weit ist, braucht man gute, professionelle Hilfe (oft über Jahre). Leider ist es trotzdem nicht jedem Betroffenen möglich, die Krankheit anzunehmen, aufzuhören zu kämpfen, die Krankheit zu akzeptieren.

Wenn man eine Krankheit als „Feind“ sieht (leider können viele Betroffene nicht anders), verliert man viel, von sowieso kaum vorhandener, Energie. Wenn man es schafft, eine Krankheit anzunehmen, als Teil der eigenen Person, werden neue Energien frei. Dann ist man immer noch nicht geheilt – und wird es vielleicht/vermutlich auch nie – aber man „orientiert“ sich wieder nach „oben“, nicht mehr nur nach „unten“. (das ist meine Meinung und Erfahrung. Ob es eine allgemeingültige Tatsache ist, weiß ich nicht).

Aber wenn der Körper so ein *Stopp* braucht um sich vor der Reizüberflutung zu *retten*, ist dass doch eigentlich eine positive Reaktion unseres Körpers.
Er beendet eine uns schädigende Lebensweise um uns zur Ruhe zu zwingen. (sun6262
)


Es handelt sich nicht um ein „Stop“ (halte an, halte inne), sondern um einen totalen physischen und/oder psychischen Zusammenbruch. Das Innere ist ein Trümmerfeld, ohne Ordnung, ohne Struktur, ohne Weg.
An einem „Stop-Schild“ ist man schon vor Monaten, Jahren, unbewusst, vorüber gegangen. Falls überhaupt eines „zu sehen“ war.

Erste Anzeichen werden oft nicht erkannt, weil es „diese Krankheit ja nicht gibt“.
Man „reißt sich zusammen“, man „stellt sich nicht so an“. Schließlich „hat man ja nichts“. Alle internistisch messbaren Werte sind „normal“. Niemand darf merken, dass mach schwach und schwächer wird. Man kann nicht mehr schlafen. Man entwickelt Ängste, Schuldgefühle, Versagensängste, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, körperliche Beschwerden usw.... bis zum „Crash“.

Von der „Crash-Position“ muss man sich erste wieder bis zum „Stop-Schild“ – „hocharbeiten“... (Medikamente) und dann mit Hilfe eines Therapeuten „inne zu halten“, um das „Trümmerfeld“ aufzuräumen ...

Das ist EIN „Drehbuch“, nach dem eine Depression ablaufen KANN.

Lieben Gruß

Red
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