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Old 24.07.2011, 18:59
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Menschenjagd

Kulvir hatte seinen Markstand aufgestellt, beim Rathaus nur wenige Meter von dem Platz entfernt, an dem er sonst immer stand, dienstags und donnerstags. Es war Samstag, Altstadtfest wurde gefeiert, und Kulvir verkaufte T – Shirts und Socken.
So kannte man ihn in M., den Textilhändler aus Indien. Die Leute waren nett zu ihm.
Am Abend packte er seine Sachen zusammen, es waren nur 500 Meter zu seiner Wohnung. Er rief seine Freunde an, Mandeep und Jagpal, sie trafen sich gegen 21.00 Uhr bei Amarjeet in dessen Imbissladen, dem „Picobello“.
Er hatte eine riesige Pizza im Ofen, mit Ingwer, Knoblauch und Peperoni. Sie tranken Bier.
Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht, sie hatten Lust zum Feiern und gingen rüber zum Fest.
Anderthalb Stunden später waren sie wieder zurück in der Pizzeria, einer fehlte. Ihre Hemden waren voll Blut, sie hatten Platzwunden am Kopf, Beulen im Gesicht, die Augen fast zugeschwollen.

Draußen standen Menschen, die gegen die Tür schlugen.

Sieben Männer stehen auf der Rathaustreppe, sie tragen die Uniform der M. - Schützengesellschaft, schwarze Hose, weißes Hemd, grüne Jacke, grüne Krawatte, Hut mit Feder. Es ist Samstag, 14.00 Uhr, das 12. Stadtfest wird mit Salutschüssen aus sechs Gewehren eröffnet.

Ein Wochenende steht dann ein weißes Zelt auf dem Rathausplatz, über der Bühne ein Schriftzug : „Freut Euch“.
Das Bier kostet 2 €, nachmittags treffen sich die Älteren zum „Kessel: Buntes mit Gesang und Tanz“, der Posaunenchor tritt auf, und abends kommen die Jungen.

Als Kulvir und seine Freunde um halb zwölf ins Zelt kommen, sehen sie die Kellnerin und einen Mitarbeiter aus dem „Picobello“ im Gedränge auf der Tanzfläche. Sie winken. Die Inder gehen nach vorn, sie tanzen, so wie man tanzt, wenn man ein paar Bier getrunken hat.
Getrunken haben die meisten, die jetzt noch hier sind. Die Älteren sind längst zu Hause.

Mehr als 150 Jugendliche tanzen und grölen, es ist eng in dem Zelt, es wird gerempelt und geschubst.
Ein Jugendlicher, Marco, stolpert, fällt hin, Kulvir lacht. Warum lacht der, denkt Marco, er weiß nicht warum, vielleicht ist er betrunken, vielleicht lacht er nur so, vielleicht lacht er ihn aus.
Marco geht zur Kellnerin des „Picobello“ und sagt: „Die Inder sollten aufpassen!“ Andere Jugendliche hören das, fangen an, auf Ausländer zu schimpfen. „Die sind hier Gäste, sollen sich nicht so aufführen, am besten hier ganz verschwinden.“

Bei der nächsten Drängelei zieht Marco einen Pfefferspray aus der Tasche, sprüht Kulvir ins Gesicht.
Die beiden Freunde von Kulvir stürzen sich auf ihn, wollen ihm den Spray wegnehmen. Freunde von Marco mischen sich ein, wollen die Inder zusammenschlagen.
Kulvir sagt: „Kommt, hauen wir hier ab, es gibt Ärger!“
Sie rennen zum Ausgang, wollen weg hier. Sie kommen nicht weit. Jugendliche stürzen sich auf sie.

Vor der Volksbank in M. liegt ein schwerverletzter Mann, ein Deutscher. Dachdecker ist er, wohnt im Ort. Jugendliche stehen um ihn herum, reißen T – Shirts herunter, drücken sie auf eine Schnittwunde am Hals. Die Inder hätten ihn mit einer Bierflasche beworfen, als er zur Toilette gehen wollte, sagt er, dann verliert er die Besinnung. Wenig später ist der Notarzt da, schlecht stände es um ihn, sagt er.

Aus der Prügelei wird jetzt eine Jagd auf Menschen.
Kulvir sieht kaum etwas, hört Menschen rufen: „Hau ab, die bringen dich um“.
Er rennt, rennt um sein Leben, hinter ihm brüllende Jugendliche, sie kommen näher. Schon einmal musste er um sein Leben rennen, das ist schon lange her.
Er weiß, dass er schnell ist, hat vor langer Zeit Wettkämpfe in Leichtathletik gewonnen. Er gewinnt einen Vorsprung. Ein Stein trifft ihn am Rücken. Er gerät ins Stolpern, fällt fast.
Gleich werden sie mich einholen, denkt er, flüchtet über den Platz, durch eine Gasse, noch 60 Meter, und er ist am Hintereingang der Pizzeria.
Er trommelt gegen die Tür, schreit. Die Tür wird aufgerissen, er lässt sich hineinfallen.
Seine Freunde sind schon da.
Ein Fenster wird eingeworfen.
Kulvir, Mandeep und Armajeet laufen jetzt in den Flur. Die Kellnerin auch.
Sie haben das Licht ausgemacht, versuchen Jagpal auf dem Handy zu erreichen, er geht nicht ran. Sie wissen nicht, dass er schwer verletzt auf dem Weg ins Krankenhaus ist.
Sie hören das Gebrüll von Menschen, können sie nicht sehen, der Flur hat keine Fenster.
Irgendetwas Schweres wird gegen die Eingangstür geschmettert, noch hält sie stand.
Sie hören eine Sirene, die Polizei ist am Vordereingang angekommen, die Menschen rennen weg, zum Hintereingang.
Zwei Polizisten kommen ins Haus.
Der Hintereingang zum Hof, ein Holztor wird jetzt eingedrückt. „Deutschland, den Deutschen, Türken raus“, hört man brüllen.
Die Menge wird immer größer, jung bis alt, vom Punk bis zum Skinhead sind alle dabei.
Im Hof liegt ein Schutthaufen mit Pflastersteinen. Sie werfen sie gegen das Fenster, gegen den weißen Kastenwagen von Armarjeet.
Mit einer Regenwassertonne schlagen sie gegen die Tür.
Kulvir schreit zu den Polizisten: „Schießt, schießt, schießt wenigstens in die Luft, sie werden die Türe einschlagen und uns umbringen!“
Ein Polizist schießt durch das zerbrochene Fenster in die Luft, die Menge weicht zurück.
Am vorderen Eingang stehen zwei Polizisten etwa 50 jungen Männern gegenüber, die brüllen: „Ausländer raus!“ Sie sagen zu den Polizisten: „Geht weg, lasst uns das regeln!“
Dann kommen weitere Polizisten, 7o Mann mit Schäferhunden, Helme und kugelsichere Westen tragen sie.
Die Menge zieht sich zurück, die Inder werden zur Wache in den Nachbarort gebracht.
Die Schaulustigen gehen auch nach Hause.

Es ist Sonntag, das Stadtfest geht weiter.

In einem Zeitungsinterview zu den Vorfällen in M. sagt der Bürgermeister:
„Ausländer raus, so was kann einem doch schon mal über die Lippen kommen. Das Stadtfest ging weiter, weil ich beweisen wollte, dass wir aus M. ein ganz anderes Völkchen sind und wir auch unter diesen Umständen noch feiern können“.

(Nach Berichten aus der Presse und dem Internet, 1993)
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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