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  #1  
Old 18.12.2011, 12:49
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hobo hobo is offline
gegen rechts
 

Join Date: 23.02.2008
Location: Rhein-Hessen
Posts: 440
hobo befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Kleine Weihnachtsgeschichte

Nicht ganz zufällig fiel mir diese Tage eine Geschichte ein, die sich vor mehr als nunmehr 50 Jahren ereignet hat. Erstaunlich, an was man sich alles so erinnert


Weihnachten 1960

Zunächst sollte ich wohl ganz allgemein erklären, dass in dieser Zeit nur die wenigsten Haushalte ein sorgenfreies Leben führen konnten, was die finanzielle Seite des Lebens angeht. Geld war permanent knapp in diesen frühen Jahren, das wurde erst eine ganze Weile später entspannter. Trotzdem hatte ich nie den Eindruck, auf etwas verzichten zu müssen. Aber dadurch waren eben auch unsere "Anspüche" an den Weihnachtsmann bei weitem nicht so hoch, wie man sie heute kennt. An Heiligabend 1960 kann ich mich noch sehr gut erninnern.

Mein Bruder hatte sich ein Fahrrad gewünscht, er war ja auch schon 10 Jahre alt und mir war natürlich klar, das 2 Fahrräder, also für mich auch noch eins viel zu teuer für den Weihnachtsmann waren. Ich wurde auch vorher schon vorsichtig hingeführt mit einem Fahrradwunsch noch zu warten, bis ich etwas größer wäre. Da ich ja einen Roller hatte und mein Bruder versprach mich auch mal fahren zu lassen, hab ich mir kein Fahrrad gewünscht, sondern etwas für unsere Schuco-Autorennbahn. Was das ist weiß natürlich heute keiner mehr, das waren kleine Autos aus echtem Blech, die an einen Spiraldraht entlang fuhren.

Und so kam er dann, der 24.12. und mein Bruder und ich saßen aufgeregt und nervös in der Küche und mussten warten. Meine Eltern haben immer erst an Heiligabend den Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt. Das hieß, die Wartezeit war recht lang. Ich saß auf einem Dreibeinhocker und schaukelte in banger Erwartung still vor mich hin. Bis es laut knallte und eins von den drei Metallbeinen zusammenbrach und ich auf dem Boden aufschlug. Dummerweise bin ich natürlich nach hinten umgefallen und mit dem Hinterkopf an den Kohleherd geknallt. Ich hatte wohl auch damals schon einen dicken Kopf, aber die Schwarte hat es nicht ausgehalten und ist aufgeplatzt. Und schon lief das Blut wie ein Wasserfall.

Sofort brach die Hölle los. Alle kamen angerannt, es wurde ein Verband gemacht, das ging aber nicht richtig, weil er durchblutete, die Küche war total versaut, das Chaos und der Lautstärkepegel waren gigantisch. Da ja kaum jemand Telefon hatte zu dieser Zeit hatte wurde der Nachbar verständigt, der damals schon Autobesitzer war und ab gings ins Krankenhaus.

Gut, es gab eine neue Frisur, eine Spritze, 8 Stiche, die Platzwunde wurde zugenäht und eine Gehirnerschütterung konstatiert. Dann zog die Karavane wieder nach Hause und ich wurde ins Bett gelegt mit der klaren Ansage ruhig liegen zu bleiben. Oh ja, ich habe bittere Tränen vergossen, nicht wegen der Wunde, sowas hatte ich dauernd als Kind, nein wegen dem Weihnachtsmann, der Bescherung und meinem Weihnachtsgeschenk.

Doch kurze Zeit später ging die Tür auf, mein Vater trug einen keinen Tisch an mein Bett und stellte den Adventskranz dazu. Da war ein Weihnachtsteller mit den typischen feinen Sachen, die es nur an Weihnachte bei uns gab, also Feigen und Mandarinen und Datteln und ein paar kleine Weihnachtspäckchen. Und hinter meinem Vater tauchte der Weihnachtsmann auf und schob ein kleines Fahrad neben sich her. Heute weiß ich, dass es unser Nachbar war, aber damals habe ich fest daran geglaubt, dass er nur wegen mir zu uns kam.

Sie hatten mir tatsächlich ein Fahrrad geschenkt. Und ich habe keine Strafe bekommen für das ganze Theater, das ich wieder mal verursacht hatte. Den ganzen Abend saß dann die ganze Familie um mein Bett herum, half mir die Päckchen auszupacken und aus dem Wohnzimmer konnte ich die "Weihnachtslieder-Schellackplatte" hören.

Ja, so war das, mein schönstes Weihnachten...

Meine Eltern hatten damals auf vieles verzichtet, nur um unsere Kinderwünsche an Weihnachten möglich zu machen. Auch später, aber schöner als Weihnachten 1960 wurde es nie mehr...
__________________
lg
Hobo

Last edited by hobo; 18.12.2011 at 12:52..
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Old 18.12.2011, 23:36
Pilot040's Avatar
Pilot040 Pilot040 is offline
Unwichtig...
 

Join Date: 21.02.2008
Location: NRW
Posts: 1.180
Pilot040 has disabled reputation
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Vielen Dank Hobo, für diese wirklich tolle Geschichte. Jetzt habe ich tatsächlich Tränen in den Augen.

Ja, auch wenn ich einige Jahre jünger bin und erst 1/2 Jahr später geboren wurde, erinnere ich mich ebenfalls noch sehr gut an die Weihnachtsfeste in den 60er Jahren. Es war immer etwas ganz Besonderes, trotz oder gerade auch wegen der niedrigen Ansprüche damals.
Ich erinnere mich an das Holzspielzeug, die spätere Autorennbahn (die ich mir statt "Eisenbahn" gewünscht hatte, sobald ich sowas bei meinem älteren Cousin sah) und die mit Hilfe von 2 Omas und 1 Opa angeschafft wurde - und natürlich an meinen späteren Roller.

Stolz wie Oskar... und die Spannung, bis man endlich ins geschmückte Wohnzimmer durfte, wuchs ins Unermessliche.
Es war ein Flair, dass sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Wir haben nichts vermisst, trotz einer entbehrungsreichen Zeit.
Im Gegenteil: Ich wünsche mir heute manchmal, dass die Menschen wieder auf den "damaligen Level" zurück kämen und wieder etwas "bescheidener" würden....

Es war schön, einfach nur schön und friedlich.
Und es war eine Zeit, in der noch die "echten" Werte zählten, weniger der Preis eines Geschenks oder die Aktualität des neusten iPhones oder Nintendos..
Wir waren Kinder und durften das auch sein, mit allem was dazu gehört.
Und ja: Die Narben von meinen unzähligen Roller- und sonstigen Unfällen auf Schotterbürgersteig mit Glassplittern etc. trage ich heute noch am Körper.
Und auf manche davon bin ich fast ein wenig stolz ...

Zur Weihnachtszeit kam mein Vater immer aus dem Betrieb und brachte neben Lebkuchen etc. kleine Geschenke von Vertretern mit, die für mich das Größte waren. Eine kleine Puppe als "Pfeife", auf der ich durch Abdecken des Schalllochs plötzlich Weihnachtslieder spielte, nachdem ich den "Trick" einmal entdeckt hatte. So kam die Idee auf, mir eine Blockflöte samt Unterricht zu schenken.

Das war das tollste überhaupt und ich konnte es kaum abwarten, loszulegen. Heute könnte man mit einer Blockflöte kaum noch ein Kind hinterm Ofen (pardon, der Playstation) hervor locken.
Aber später, als es dann schon ganz gut ging, mit der Mutter zusammen im Duett Weihnachtslieder zu spielen, war neben der Weihnachtsbäckerei das Highlight für mich.

Ja, all das sind Erinnerungen fürs Leben, die man nicht missen möchte.
Und manchmal wünsche ich mir diese Zeit zurück ....
__________________
Gruß,
Pilo



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