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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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  #41  
Old 21.11.2010, 15:39
Pedro Pedro is offline
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Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Meine Freundin

Meine Freundin

Dunkel war es. Es regnete. Maria fuhr langsam die Steigung hoch. Die Straße schien immer enger zu werden. Die Bäume an beiden Seiten rückten näher. Bedrohlich sah das Ganze aus.
Sie hatte eine CD eingelegt, „Blaue Stunden“, und hörte das Lied „Meine Freundin“.
Heike hatte sie ihr geschenkt.

Kürzlich in einer sternklaren Nacht,
Hat sie meinem Mann das Bett gemacht – meine Freundin.

Morgen würden sie nach Nizza fahren, da lag das neue Boot von Jürgen. Endlich hatte er die Segelyacht gekauft. Sie würden zusammen mit seiner Frau in See stechen. Zunächst an der Küste entlang, dann nach Korsika. Die Insel wollten sie umsegeln. Hoffentlich waren nicht so viele Touristen unterwegs.

Am Morgen stand er zerfetzt vor der Tür,
ich fragte ihn herzlich, wie geht es dir – und meiner Freundin.

Hatte Heike etwas gemerkt? Jürgen und sie waren sehr vorsichtig gewesen. Der Regen wurde stärker, sie fuhr jetzt langsamer.

Wir teilen den Mann und wir teilen das Kind
Am Himmel jeden Stern, weil wir Freundinnen sind – gute Freundinnen.

Hatte sich Heike dabei was gedacht, als sie ihr diese CD schenkte?
Jetzt war sie auf dem Kamm angekommen, beschleunigte etwas, sah im letzten Moment, dass eine Frau auf der Straße lag und versuchte eine Vollbremsung. Der Wagen fing an zu schleudern. Sie riss das Steuer herum, um an der Frau vorbei zu kommen und merkte, dass sie die Kontrolle verloren hatte. Das Auto schlingerte, drehte sich und dann spürte sie nur noch einen Schlag gegen ihren Kopf.

Der Wagen war von der Straße gerutscht, gegen einen Baum geprallt. Ein Scheinwerfer funktionierte noch. Mühsam quälte sie sich aus dem Auto. Die Airbags waren aus unerfindlichen Gründen nicht ausgelöst worden. Sie war in den Gurt gefallen, konnte kaum noch atmen, merkte, dass Blut über ihr Gesicht lief. Gegen die Frontscheibe war sie geprallt.
Sie dachte noch, dass sie morgen nicht nach Nizza fahren könnte. Dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Die CD konnte sie hören.

Ich pflücke ihr einen Rosenstrauß,
Solange der Himmel noch hell.
Ich wollte, ich wär’ eines Bluts
Und einer einzigen Seel’ – mit meiner Freundin.

Als Maria wieder zu sich kam, regnete es noch immer. Ihr Kopf schmerzte und das Atmen fiel ihr schwer. Irgendwie gelang es ihr, aus dem Auto zu kommen.
Sie hielt sich an der Tür fest und sah im Scheinwerferlicht die Frau auf der Straße. Sie lag mitten auf dem Weg, auf dem Rücken. Maria merkte, dass sie sich nicht länger auf den Beinen halten konnte und setzte sich auf den Boden. Dann kroch sie zu dieser Frau und schaute sie an:
Ihre Augen waren geschlossen. Regen lief über ihr Gesicht, wusch das Blut ab, das aus einer Wunde am Kopf tropfte.
Vierzig Jahre war sie etwa alt, so alt wie sie. Ihr helles Kleid war mit Schlamm befleckt, ihre Bluse zerrissen. Einen Schuh hatte sie nur noch an. Schöne Beine hatte sie, attraktiv sah sie aus.

Die CD lief immer noch im Auto.

Sie jammert, sie sei tags nicht schön.
Man müsse nur ihre Schenkel ansehen – arme Freundin.
Doch ich kenne keinen Mann, der nicht sehnsuchtsvoll
In ihren schwellenden Wellen ertrank und versank – in meiner Freundin.

Schlamm hatte Marias hellen Rock verschmiert, ihre Bluse war zerrissen, ihr fehlte auch ein Schuh.
Die Frau sah aus wie sie und war tot.
Sie kroch zum Auto zurück. Ihr Handy musste hier irgendwo sein. Sie fand es, wählte die Notrufnummer und verlor das Bewusstsein.

Als sie wieder zu sich kam, blinkten überall blaue Lichter, es regnete immer noch. Männer hoben sie auf eine Tragbahre. Ihren Schuh hatten sie ihr auch wieder angezogen.
Die Frau lag nicht mehr auf der Straße.
Sie luden sie in den Krankenwagen ein. Wo die andere sei, fragte sie. Sie schauten erstaunt:: „Welche andere?“ – „Na die tote Frau, die da auf der Straße lag“, sagte sie. Sie hatten keine andere Frau gesehen, keine Tote, glaubten wohl, dass sie fantasierte.
Bevor sie die Tür schlossen, konnte Maria noch einen Schuh sehen, der da auf der Straße lag. Die hatte die gleichen Schuhe wie ich, dachte sie.

Maria lag in einem Bett, Flüssigkeit lief durch einen Schlauch in ihren Arm. Sie spürte den Verband an ihrem Kopf. Ein Bein war in Gips.
Neben ihr war noch ein Bett. Eine Frau schaute sie an.
Sie hatte eine Infusion an ihrem Arm, einen Verband um ihren Kopf und ein Bein in Gips.
Schmerzen hatte sie keine mehr. Sie konnte die Augen nicht mehr offen halten, fühlte sich unendlich müde. Sie dachte, die andere sieht aus wie ich. Und wunderte sich, dass sie sich darüber nicht wunderte.


Später Nachmittag. Maria lag in der Schiffskoje.
Lange geschlafen hatte sie, fühlte sich völlig kaputt. Irgendetwas hatte sie geträumt. Sie konnte sich aber nicht erinnern.
Das Schiff war jetzt auf hoher See. Zusammen hatten sie Mittag gegessen, viel Wein getrunken. Heike war fast am Tisch eingeschlafen. Jürgen schenkte ihr immer wieder nach und brachte sie dann ins Bett.
Danach war er zu ihr gekommen.

Heike und sie kannten sich schon aus dem Kindergarten, hatten viel zusammen unternommen und erlebt, gemeinsame Pläne gehabt.
Sie hörte Musik über die Bordanlage „Blaue Stunden“, eine Lieblingsplatte von Heike.

Ich spielte im schönsten Kinderglück
An Nachbars Franz seinem äußersten Stück – mit meiner Freundin..
Ich wollte mit ihr nach Australien zieh’n,
im Känguruh – Beutel Verstecken spiel’n – mit meiner Freundin.

Durst hatte sie, Heike brachte ihr ein Glas Wasser. Müde wurde sie jetzt, unendlich müde. Und wieder hörte sie die Musik.

Unser Haus ist so rot von der Rosenpracht
Und ich träumte sie hätte mich einsam gemacht – meine Freundin.

Heike stand vor ihr, band ihre Füße und ihre Hände mit Schnur zusammen. Sagte kein Wort, schaute sie nur an. Sie versuchte sich zu wehren, schlug um sich.
Sie merkte, dass sie die Treppe hoch geschleift wurde, wollte schreien, konnte aber nicht. Jetzt waren sie auf Deck, Heike band ihr irgendetwas Schweres an ihre Füße und zog sie über den Boden. Sie versuchte aus dem Alptraum aufzuwachen, wollte die Augen öffnen.

Erst als sie ins Wasser fiel, merkte sie, dass sie wach war, dass sie nicht träumte.
Den letzten Vers des Liedes hörte sie nicht mehr.

Und gestern in einer sternklaren Nacht
Hab’ ich meine Freundin umgebracht – tote Freundin.
Ich senkte den Blick und vergaß meinen Traum
Und ihre Lippen lächelten kaum – schöne Freundin.

Lied: CD
Susanne Weinköppel
Blaue Stunden
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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  #42  
Old 21.11.2010, 16:08
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petra100 petra100 is offline
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Join Date: 21.02.2008
Posts: 250
petra100 befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Gedichte

Hallo Pedro,
ich lese aufmerksam deine Zeilen. Sie gefallen mir auch, nur habe ich damit auch ein Problem.
Irgendwie sind sie immer traurig.
Schreibe doch einmal etwas Lustiges…
Gut, ich schreibe auch meist traurige, Poesie.
Ich wünsche Dir alles Liebe…
Petra1oo
Ps:
Will Dir um Gotteswillen, nichts vorschreiben...
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  #43  
Old 21.11.2010, 19:02
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default

Hallo petra100,

ja, meistens sind meine Geschichten eher traurig, viel Biografisches wird darin aufgearbeitet.
Aber ein paar lustige Texte gibt es auch:

Onkel Fred
Bestattung
Nur ein Klo installieren
Gackerer

Oder nicht?

Vielen Dank für deine Rückmeldung, ich sehe das nicht als "vorschreiben" an!

Ich wünsche dir noch einen schönen Winterabend.

Gruß

Pedro
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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  #44  
Old 24.11.2010, 23:53
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Pepe Pillo

Pepe Pillo

Pepe stieg die Treppe hoch. Gestern war er achtzehn Jahre alt geworden. Er dachte an die letzte Nacht und pfiff leise vor sich hin. Dass er heute seinen Arbeitsplatz verlieren würde, wusste er noch nicht.
Die Aktentasche mit der Post schlenkerte er umher, er musste aufpassen, dass sie nicht den Boden streifte. Seine Arme waren ziemlich lang, seine Beine kurz.
Freundlich grüßte er die Putzfrau, die ihre Arbeit hier fast beendet hatte, ging dann den Gang entlang in Richtung des Büros seines Chefs.
Ihm war er vor drei Monaten als Hilfskraft zugeteilt worden. Er verachtete diese Arbeit, irgendwelche Akten oder Papiere zu irgendwelchen Leuten zu bringen. Er verachtete diesen Anzugsträger, der ihn wie Dreck behandelte, der ihn auch für private Arbeiten bei sich zu Hause einspannte, ohne dafür etwas zu bezahlen. Dennoch war er froh, dass er überhaupt eine Arbeit hatte. Er war einer der wenigen seines Viertels, der ein paar Pesos verdiente.
Und bis gestern hatte er sich auch selbst verachtet.

Er ging bis zum Ende des Flures, öffnete die Bürotür, an der ein Schild „Jorge Gonzales“ stand.
Zu seiner Überraschung sah er den Typen da an seinem Schreibtisch sitzen, natürlich im Anzug und mit Krawatte, ein Buch hielt er in der Hand.

„Pepe, wie oft muss ich dir noch sagen, dass man anklopft, bevor man irgendwo eintritt. Nicht mal das kannst du dir merken!“
„Entschuldigung, Chef, ich dachte Sie wären noch nicht da“, sagte Pepe.
„Ja, da staunst du, hier wird gearbeitet. Ich bin heute morgen direkt vom Flugplatz ins Büro gekommen.“
Gonzales schaute ihn nicht direkt an. Dieser Schleimscheißer schaute überhaupt nie jemanden direkt an, dachte er.
„Sag mal Pepe, hast du schon jemals ein Buch gelesen“, fragte er, hielt dabei das Buch hoch, mit dem er sich gerade beschäftigt hatte.
„Ja, schon.“
„Was für ein Buch war das denn?“
„Die Abenteuer von Onkel Roberto.“
Gonzales lächelte verächtlich und wedelte mit dem Buch in der Gegend umher.
„Ich meinte ein richtiges Buch, nicht so einen Quatsch“, sagte er.

Pepe Lentejo legte die Post auf den Schreibtisch. Möglichst schnell hier wegkommen, dachte er.
„Ich habe heute einen Arzttermin, muss wieder weg“, sagte er.
Gonzales hörte ihm überhaupt nicht zu, er hörte Untergebenen, wie er seine Mitarbeiter nannte, nie zu.
„Sag mal Pepe, wie lange arbeitest du denn schon hier, wenn man das überhaupt Arbeit nennen kann, was du hier treibst.“
„Drei Monate.“

Dieser Arsch behandelte ihn so, wie er schon oft in seinem Leben behandelt worden war. Er dachte an seine Arbeit im Supermarkt, wo er Einkäufe der Reichen in Tüten oder Kartons eingepackt und sie zum Auto getragen hatte. Ein paar lumpige Pesos hatte er dafür bekommen, mal mehr, mal weniger, je nach Laune der Einkäuferin. Fast hingeschmissen hatten manche ihm die Münzen, manchmal musste er sie vom Boden aufheben.
Er erinnerte sich an seine Arbeit als Gärtner, Rasen hatte er gemäht, Wege sauber gemacht. Ins Haus hatte man ihn fast nie gelassen.

„Na ja, das ist ja eine ziemlich kurze Zeit, dass du hier im Rathaus bist, viel lernen konntest du da nicht“, sagte Gonzales.
Er schaute ihn wieder nicht an, sondern blätterte in dem Buch umher.
„Du weißt wahrscheinlich nicht, dass ich deutsche Vorfahren habe. Als ich bei meiner kürzlich verstorbenen Großmutter gestern den Speicher aufgeräumt habe, fand ich dieses schlaue Buch. Der Autor heißt Rosenberg, hat es schon vor längerer Zeit geschrieben.“

Pepe interessierte das alles überhaupt nicht, er musste so schnell wie möglich hier weg.
„Ich gehe dann mal zum Arzt, Señor“, sagte er.

Gonzales war aufgestanden, kam mit dem Buch in der Hand näher, fasste mit der anderen den Kopf von Pepe an und drehte ihn hin und her. Dann führte er ihm zum Waschbecken, wo ein großer Spiegel angebracht war.
„Schau uns beide jetzt mal an“, sagte er. „Fällt dir etwas auf?“
„Ja schon, Sie haben ein weißes Hemd mit Krawatte an, ich ein T-Shirt.“
„Nicht auf die Kleidung sollst du achten. Das ist ja wohl klar, dass ich als dein Chef, als Bürovorsteher, der schon viel im Leben erreicht hat und noch mehr erreichen will, anders angezogen bin als du. Schau mal unsere Köpfe an.“
„Sie haben keine Haare auf dem Kopf, ich schon.“
„Pepe, ich weiß ja, dass dir das Denken schwer fällt. Lass jetzt mal diese einfachen Unterschiede, schau mal auf die Form unserer Köpfe. Ist die gleich?“

Ich muss jetzt endlich hier weg, dachte Pepe. Die Zeit läuft mir davon. Bei einem Arzttermin wäre ihm das egal gewesen, aber er hatte ja etwas anderes vor.
„Señor Gonzales, ich glaube, ich muss jetzt gehen. Ich muss pünktlich beim Arzt sein, sonst behandelt der mich nicht. Vielleicht können Sie mir morgen das alles erklären, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Was heißt hier „wichtiger Termin!“ Hier kannst du jetzt etwas lernen, was auch für dich wichtig ist.“ Er klopfte mit der Hand auf das Buch.
„Schau noch einmal auf die Form unserer Köpfe. Meine Stirn ist wesentlich höher als deine, also bin ich viel intelligenter als du. Dein Kopf ist rund wie ein Kürbis,“ sagte er und strich Pepe über die Haare.
„Meiner ist schmaler. Du gehörst zu den Menschen, die sich noch auf einer niederen Entwicklungsstufe befinden. Außerdem sind deine Arme viel zu lang und deine Beine zu kurz. Das sind alles Rassenmerkmale, von denen heute allerdings kaum einer spricht.“
„Sie glauben als wirklich, dass jemand, der einen Kopf hat wie ich, nicht intelligent sein kann?“
„Kein berühmter Mann hatte deine Kopfform, alle hatten Köpfe wie ich. An der Kopfform kann man den Charakter und die Fähigkeiten eines Menschen sofort erkennen. Das ist eine Wissenschaft, die schon viele tausend Jahre alt ist.“

Pepe wurde langsam immer wütender. Dieser Anzugträger glaubte doch tatsächlich nur an seine eigene Intelligenz, verachtete ihn, versuchte ihm seine Überlegenheit zu beweisen.
Er musste sich diesen Blödsinn anhören und würde seinen Termin noch verpassen.
Er schaute Gonzales an und lächelte verkrampft.

„Das mag ja alles richtig sein, was sie da sagen. Ich habe Schwierigkeiten, Zahlen zusammenzuzählen Ich kann mich kaum verständlich ausdrücken, wie sie immer sagen. Ich weiß, dass ich nie Bürovorsteher werden kann, nie ein Auto oder Haus wie sie haben werde. Ich bin vielleicht auf einer niederen Entwicklungsstufe, wie sie behaupten, aber sexuell stimmt bei mir alles. Fragen Sie mal ihre Frau, die kann ihnen bestätigen, dass ich die Wahrheit sage.“

Pepe Pillo nickte Gonzales zu, dem es die Sprache verschlagen hatte, ihn mit weit aufgerissenem Mund anschaute, die Augen traten ihm fast aus seinem schmalen Kopf. Er verließ schnell das Büro. Er schaute auf die Uhr im Flur, er würde seinen „Termin“ noch erreichen.
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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  #45  
Old 09.12.2010, 07:06
Pedro Pedro is offline
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Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Die Kette

Und da stand der kleine Elefant allein. Mit einer dünnen Kette hatten sie ein Bein von ihm an einen Pfahl aus Holz angebunden. Er konnte nicht weglaufen. Später, wenn er groß und stark war, würde die dünne Kette ausreichen, um ihn festzuhalten. Er würde niemals wissen, dass er sie zerreißen konnte.



Die Kette


Als Benjamin zurückkam, war der Vogel tot. Drei Tage war er weg gewesen, war in die Stadt gefahren. Er hatte sich in einem Institut eingeschrieben, er würde jetzt das Fachabitur machen und später studieren.
Frei würde er endlich werden, etwas aus sich machen, von allem loskommen. Alle, die ihm nie etwas zugetraut hatten, würden überrascht sein, endlich hatte er es geschafft.

Sie saß im Sessel vor dem Fenster, schaute ihn nicht an und starrte auf den Boden. Ein großes Glas hielt sie in der Hand.
„Du hättest ihm wenigstens Wasser geben können“, sagte er zu seiner Frau Carla.
„Ich hatte Wichtigeres zu tun, als mich um deinen blöden Vogel zu kümmern“.
Sie ging zum Getränkeschrank, holte eine Flasche Wodka heraus und schenkte sich ein Wasserglas voll ein.

„Du hast immer Wichtigeres zu tun, bist selten zu Hause.“ Er sah sie an, versuchte sich zu erinnern, wie sie war, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

„Du hast keine Ahnung, wie anstrengend die Arbeit im Krankenhaus ist, hockst immer ruhig zu Hause und glaubst noch, das sei etwas Besonderes. Das einzige, was dich wirklich interessiert, sind deine Bücher.“
Sie goss sich ein weiteres Glas Wodka ein und schaute aus dem Fenster.

„Du lässt mich ja nichts anderes machen. Wenn deine Freunde kommen, bin ich ein Hausangestellter, bediene euch von vorne bis hinten. An Gesprächen soll ich ja nicht teilnehmen, du hast Angst, dass ich dich blamieren könnte.
Du führst deine Gäste in diesem Traumhaus am Meer herum, das mein Vater bezahlt hat. Mich, deinen Ehemann, stellst du kaum vor.“
Er dachte, dass es ihm in seinem ganzen bisherigen Leben so ergangen war, immer war er ausgeschlossen gewesen, nur nützlich für einfachste Arbeiten.

Sie hatte ihr Glas schon wieder geleert.
„Dir will ich jetzt mal etwas sagen, was dich von den Socken hauen wird. Der das Haus bezahlt hat, ist nicht dein Vater!“
„Wer denn sonst?“
„Professor Dr. Ernst Geppert. Aber er ist nicht dein Vater. Er hat mich gestern
verlassen und entlassen, hat eine andere gefunden.“

Er glaubte nicht richtig gehört zu haben, sprang aus dem Sessel auf und stand jetzt direkt vor ihr.
„Was soll denn das wieder?“
„Du bist nicht sein Sohn!“
„Was?“
„Dein Vater ist Georg Deutschmann von der Eisenwarenhandlung, wo du etliche Jahre gearbeitet hast. Deine Mutter ist fremdgegangen.“

Georg Deutschmann sein Vater! Jetzt verstand er manches besser. Er sagte aber: „Das glaube ich dir nicht, das ist wieder eine von deinen Gemeinheiten!“

„Sag mal, ist dir wirklich nie aufgefallen, wie dich alle behandelt haben? Hast du nie gemerkt, dass dir niemand etwas zutraut? Dass du nicht zur Familie gehörst? Dass du den, den du für deinen Vater hälst, in nichts ähnelst?“

„Ganz früher war das wohl so, aber dann hat mein Vater unsere Heirat gefördert, uns das Haus gekauft, dich zu seiner Assistentin gemacht! Uns oft besucht.“

„Unsere Heirat gefördert! Georg hat mich gekauft. Es war bequemer für ihn, wenn ich mit seinem angeblichen Sohn verheiratet war. Ich war dann immer für ihn verfügbar.“

Er setzte sich wieder in den Sessel, schluckte, schwieg.
„Deswegen kommst du so oft erst spät in der Nacht nach Hause, deswegen bist du so oft auf irgendwelchen Tagungen.“

„Ja, es war leicht mit dir, auch an das Märchen meiner Vergewaltigung hast du geglaubt, dass ich deswegen nicht mit dir schlafen konnte.“

„Dann war alles nur Theater und ich ein Einfaltspinsel, der alles ernst genommen hat?“

Sie fing an, die Zeitschriften vom Tisch zu nehmen und in einen Ständer einzuordnen. Dann sah sie ihn an.
„Nicht alles war vorgetäuscht, ich habe dich einmal gemocht, hatte nicht die Kraft, neu anzufangen. Alles war so bequem.“

Sie warf ihr Glas auf den Boden, stand auf und zog ihren Mantel an.
Er hörte ihr Auto, sie fuhr davon.


Er fing an seinen Koffer zu packen, der kleine Koffer reichte aus. Er würde nicht viel mitnehmen, würde sich neue Sachen kaufen.
Dann nahm er das Geld aus der Schublade, das Haus würde nicht mehr renoviert werden. Neu anfangen würde er, alles hinter sich lassen, alles anders machen. Er lud alles ins Auto ein, das Geld legte er ins Handschuhfach.
Bevor er losfuhr ging er noch einmal zurück ins Haus. Hier hatte er mit ihr gelebt, eher neben ihr.
Er schaute sich um, sah in der Eingangshalle die teuren Möbel, Teppiche und Bilder. Nichts davon gehörte ihm wirklich.
Im Käfig lag immer noch der kleine Vogel, verdurstet war er. Der hatte ihm gehört.
Er nahm ihn vorsichtig aus dem Käfig, streichelte ihn, als wenn er noch leben würde.

Vor einem Bild blieb er stehen, es hatte ihn immer wieder beeindruckt:
“Der Schrei“.
Er hatte das Original nie gesehen, immer wieder die Kopie betrachtet. Er hatte über den Maler Edward Munch alles gelesen, was für ihn erreichbar war. Plötzlich verstand er, was der Maler ausdrücken wollte.
Grauenhaftes Entsetzen sprach aus dem Bild, Verzweiflung, nicht eine Person mit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund wurde dargestellt sondern ein Gemütszustand.
Kalte Grüntöne, bedrohliche Rottöne, hektische Führung der Kreidestriche, alles stürzte auf den Betrachter zu.
Er hatte gelesen, dass der Maler gesagt hatte: „Die Lebensangst hat mich begleitet, seit ich denken kann.“
Auch ihn hatte Lebensangst immer begleitet, er hatte immer etwas gesucht, nie gewusst was, und wenn er etwas gefunden hatte, hatte er es wieder verloren.
Und das würde immer so weiter gehen.
Er legte den Vogel unter einen Baum und deckte ihn mit Laub zu.
Dann ging er zum Auto zurück, ließ den Motor an und stellte ihn wieder ab.

Man kann immer nur neu an dem Punkt beginnen, an dem man gerade ist, egal wie man dahin gekommen ist, dachte er. Neu beginnen ist deshalb nur „ weiter machen“.
Er stieg aus, ließ die Tür offen stehen und ging zum Meer hinab.

Das Wasser umspülte seine Füße, dann seine Schenkel. Er schaute sich nicht mehr um, ging immer weiter.
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  #46  
Old 13.12.2010, 04:27
Pedro Pedro is offline
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Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Tagebuch: Kolumbien I

Aus meinem Tagebuch

Kolumbien I



Autozulassung in Kolumbien



1970 begann ich in Kolumbien als Lehrer zu arbeiten. Meine Aufgabe hier war, eine Deutsche Schule aufzubauen. Ich durfte einen PKW einführen, musste ihn aber nach Beendigung meiner Dienstzeit wieder ausführen. Die Deutsche Botschaft in Bogotá übersandte mir eine Bürgschaftserklärung, in der sie garantierte, dass das Fahrzeug zu gegebener Zeit wieder ausgeführt würde. Ich sollte damit auf das Zollamt in Medellín gehen und würde dort halbdiplomatische Nummernschilder erhalten.

Auf dem Weg zum Zollamt machte ich mir Gedanken, wie ich mit meinem kümmerlichen Spanisch den Beamten mein Anliegen erklären könnte.
11.00 Uhr war es, die Sonne schien, als ich ins Zollamt eintrat, ins Zimmer 13 müsse ich gehen, wie mir der Portier erklärte. Ich war stolz, dass ich seine Anweisung verstanden hatte.
Ich klopfte an die Zimmertür, worauf zunächst einmal nichts geschah, wiederholte mein Klopfen etwas stärker, niemand bat mich herein. Vielleicht machten die Beamten gerade Mittag.
Ich öffnete schließlich die Tür und trat ein und sah drei Männer. Nahe der Tür stand ein Schreibtisch, an dem ein Namensschild „Jaime Ramirez“ angebracht war. Der Tisch war mit irgendwelchen Akten und Papieren überhäuft, eine Zigarette lag in einem fast vollen Aschenbecher und qualmte. Herr Ramirez lag zurückgelehnt auf einem Stuhl und schlief. Die beiden anderen Beamten befanden sich in einer ähnlichen Lage. Der, der ganz hinten im Büro arbeiten sollte, lag auf dem Schreibtisch, Papiere und Akten lagen auf dem Fußboden. Alle schliefen.
Vielleicht hatte ich einen ungünstigen Zeitpunkt für mein Anliegen gewählte, sollte vielleicht ein anderes Mal wieder kommen. Die Beamten könnten sonst eventuell unwirsch reagieren, wenn sie plötzlich aufgeweckt würden, dachte ich.
Ich machte mich also auf den Rückweg, wollte gerade das Büro verlassen, als das Telefon auf dem Schreibtisch von Herrn Ramirez ohrenbetäubend zu schrillen anfing. Die Lautstärke war wohl auf die Arbeitsumstände eingestellt worden.
Herr Ramirez schreckte auf, hob den Telefonhörer ab, nahm stramme Haltung an. Über was gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen, aus seiner Haltung schloss ich, dass ihn ein Vorgesetzter angerufen hatte. Nachdem Herr Ramirez sein Gespräch beendet hatte, legte er den Hörer wieder auf und blickte mich nachdenklich an. Ich hatte mich wieder seinem Schreibtisch genähert. Ich versuchte ihm meine Papiere zu überreichen. Er reagierte zunächst nicht, schaute auf seine Armbanduhr und murmelte etwas vor sich hin.
Dann streckte er doch die Hand aus, nahm meine Papiere in die Hand und las das Schreiben der Botschaft längere Zeit. Ich dachte schon, er sei wieder eingeschlafen, als er plötzlich aufsprang, fluchte und mit meinen Papieren herumschlug und das Feuer zu löschen versuchte, dass durch die liegen gelassene Zigarette auf dem Schreibtisch ausgebrochen war. Das gelang ihm denn auch, meine Papiere waren nur ganz wenig angesengt.
Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, betrachtete meine Papiere, als wenn er sie zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hätte, schaute mich dann an, blickte nach oben, als ob er auf eine göttliche Erleuchtung warte.
Selbstverständlich würde man hier Ausländern gerne behilflich sein. Alles würde aber seine Zeit dauern bei der Arbeitsüberlastung, die in diesem Lande bei schlechter Bezahlung herrsche, sagte er. Er zeigte auf seinen überquellenden Schreibtisch, der jetzt allerdings durch den Brand etwas leerer geworden war, zeigte auf seine Mitarbeiter, die ebenfalls aufopferungsvoll arbeiteten, wie er sagte. Sie schliefen immer noch.
Ich möge bitte in 2, nein, besser in 6 Wochen wieder kommen, dann habe man alles zu meiner vollsten Zufriedenheit geregelt.


Nach 6 Wochen betrat ich wieder das Büro Nummer 13, gegen 9.oo Uhr, wollte ich doch nicht auf völlig überarbeitete Beamte treffen.
Inzwischen war ich in Kolumbien mit deutschen Zollnummern herumgefahren, was niemanden gestört hatte.
Es war fast alles wie beim letzten Mal, auf mein Klopfen reagierte niemand. Alle schliefen wieder, der einzige Unterschied war, dass der Mann im Hintergrund jetzt unter dem Tisch lag. Auf dem Schreibtisch von Ramirez qualmte auch keine Zigarette. Ich hüstelte zunächst leise vor mich hin, dann wurde mein Husten immer lauter, es hörte sich zuletzt wie ein Erstickungsanfall an. Ramirez und auch die anderen rührten sich nicht, hatten wohl vergangene Nacht durchgearbeitet. Schließlich wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, ich trat gegen den Schreibtisch von Ramirez.
Er fuhr hoch, schaute mich sprachlos an, fragte mich dann nicht sehr freundlich, was ich hier eigentlich wolle, wie ich dazu käme, seine kostbare Arbeitszeit zu unterbrechen.
Mein Spanisch war immer noch nicht viel besser geworden, ich versuchte ihm zu erklären, dass ich ihm vor 6 Wochen alle notwendigen Papiere für die Zulassung meines Autos übergeben hätte, dass er mir versprochen habe, diese Angelegenheit zu regeln. Nachdenklich strich er sich durch sein zerzaustes Haar, blickte auch wieder nach oben wie beim letzten Mal, schüttelte den Kopf und sagte, er habe mich noch nie in seinem Leben gesehen. Ich müsse mich irren, vielleicht sei ich in einem anderen Büro gewesen.
Ob ich irgendetwas Schriftliches von ihm vorweisen könne, was ich natürlich nicht konnte. Es sei hier üblich, dass man eine Empfangsbestätigung erhalte, sagte er.
Dann stand er mühsam auf, weckte seine beiden Mitarbeiter mit leichten Schwierigkeiten. Auch diese bestätigten, mich noch nie gesehen zu haben, was der Wahrheit entsprach, hatten sie doch beim letzten Mal geschlafen.
Ich solle mich an die deutsche Botschaft in Bogotá wenden, würde von ihnen eine Bürgschaftserklärung erhalten, solle dann wieder kommen. Alles könne dann geregelt werden.

Ich erhielt dann auch von der Botschaft eine neue Bürgschaftserklärung und ein Anschreiben an das Zollamt, wurde daraufhingewiesen, dass ich mir auf jeden Fall eine Empfangsbestätigung ausstellen lassen müsse.
Dieses Mal ging ich erst gegen 17.00 Uhr auf das Zollamt, Kolumbianer hatten mir erklärt, dass dies ein günstiger Zeitpunkt sei, da die Beamten dann wohl etwas erholt seien, sich ausgeschlafen hätten.
Niemand schlief, Herr Ramirez gab mir eine Empfangsbestätigung, in 6 Wochen solle ich wieder kommen, man würde mir dann sogar die Nummernschilder anschrauben.

Als ich dann nach 6 Wochen wieder kam, schlief niemand, es wurde wirklich gearbeitet, auch auf mein Anklopfen war nach mehreren Versuchen reagiert worden, nur Herr Ramirez war nicht mehr da.
Ich zeigte einem anderen Beamten meine Empfangsbestätigung mit der Unterschrift von Herrn Ramirez. Unruhe entstand, auch der Mann aus dem Hintergrund kam herbei. Beide Beamten schüttelten ihre Köpfe, redeten leise miteinander, schauten mich an, als wenn sie einen Wahnsinnigen vor sich hätten. Ein Ramirez habe hier noch nie gearbeitet, sie wären immer nur zu Zweit hier gewesen, ein Irrtum sei ausgeschlossen, wären sie doch schon mehrere Jahre hier.
Ich zeigte auf den Schreibtisch, an dem noch das Namensschild „Ramirez“ war, auch Brandspuren waren noch auf der Tischplatte. Beide Beamten brachen in ein Riesengelächter aus, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und meinten, dass dies ein alter Schreibtisch sei, den sie von irgendwoher erhalten hätten, ein dritter Beamter solle demnächst wegen ihrer Arbeitsüberlastung eingestellt werden, das würde aber sicherlich noch dauern.
Man würde mir aber meinen Irrtum nicht übel nehmen, sei ich doch Ausländer, spräche wenig die christliche Landessprache, ich müsse irgendwo anders gewesen sein. Auch die Unterschrift auf der vorgezeigten Empfangsbestätigung könne man kaum entziffern. Ich müsse eine Bürgschaftserklärung so schnell wie möglich beibringen.

Nach einigen Wochen erhielt ich dann auch von der Botschaft neue Unterlagen, ein Anschreiben vom Generalzollamt in Bogotá war beigefügt mit der Anweisung an den Zoll in Medellín, nun endlich die Zulassung auszuführen.
Ich gab alle Papiere ab, Herr Ramirez war immer noch nicht da, ein anderer Mann saß an seinem Schreibtisch, nahm die Papiere in Empfang und bestätigte ihn.

6 Wochen später erhielt ich dann meine neuen amtlichen Nummern. Anschrauben musste ich sie mir selber.
Fast ein Jahr war vergangen.
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  #47  
Old 17.12.2010, 07:18
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Default Fröhliche Weihnachten

Fröhliche Weihnachten!

I

Die Kinder rannten auf der Straße umher, froh, dass sich niemand um sie kümmerte. Ihre Väter hatten genug damit zu tun, die Wirklichkeit im Alkohol zu ertränken, ihre Mütter versuchten etwas weihnachtlichen Glanz in die Hütten zu bringen.
Dann tauchte plötzlich Manolo auf, erzählte von einem Weihnachtsbaum, den er und Quique im Park unter einer Straßenlaterne aufgebaut hätten.
Es wurde langsam dunkel. Die Horde jagte unter Johlen und Begeisterungsrufen zum Park.
Vor dem Baum wurde einer nach dem anderen still und bestaunte das Wunder. Sogar die Tauben, die hier sonst immer wild flatterten, blieben ruhig am Boden sitzen.
Stolz erklärten die beiden Künstler ihr Werk. Eine Kiefer hatten sie aus dem Wald geholt und an eine Straßenlaterne angebunden. Blechdosen hatten sie blank geputzt und an die Äste gehängt. Sterne und Engel hatten sie aus Verpackungsfolien gefaltet und damit den Baum geschmückt. Manolo hatte sogar die Jungfrau auf Papier gemalt und dann ausgeschnitten. Sie schaute jetzt von der Spitze des Baumes herab.
Alle bestaunten das Wunder, auch Erwachsene waren gekommen. Sie hatten sich über die plötzliche Stille auf der Straße gewundert.


II

“… und dann machte sich ein Schweinchen ein Haus aus Stroh, damit der Wolf es nicht fressen konnte. Aber der kam und fing an zu blasen und alles flog auseinander. Aber das Schweinchen konnte noch wegrennen.
Mit seinem Bruder bauten sie dann ein Haus aus Holz, aber auch das blies der Wolf um. Die beiden konnten aber ausreißen. Nachdem sie sich eine Weile versteckt hatten, holten sie noch einen Bruder dazu.
Dieses Mal bauten sie zusammen ein Haus aus Backsteinen. Der Wolf blies wieder, ganz rot war er schon im Gesicht, aber das Haus hielt und die Schweinchen waren glücklich.”
«Papa, hat der Wolf unser Haus auf dem Hügel auch weggeblasen?»
Er sah seinen Sohn an, so jung und schon ein altes Gesicht, schüttelte nur den Kopf.
«Und jetzt wird geschlafen. Morgen erzähle ich eine andere Geschichte.
Er nahm seine Frau in den Arm und sagte:
“Armer Kleiner. Ich glaube, dass er die Schweinchen und den Wolf gesehen hat, wie der sich angestrengt hat, das Haus umzublasen.
Weisst du, diese Geschichte hat mir meine Mutter vor langer Zeit erzählt, ich bin froh, dass ich mich noch an den Schluss erinnern konnte.
Arbeit habe ich heute wieder keine gefunden.
Gehen wir auch schlafen Frau, ich bin ein bisschen müde, Weihnachten mit Geschenken gibt es für uns nicht.”
Er gab ihr einen Kuss. Eng lagen sie aneinader gedrängt unter der löchrigen Wolldecke, um sich vor der Kälte zu schützen.
Froh konnten sie sein, dass sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatten, dachte er. Auch wenn hier alles feucht und eng war. Vorher hatten sie auf dem Hügel gewohnt. Eines Morgens kamen Bulldozer, alles wurde niedergewalzt, auch ihre Hütte.
Da hatten die Windeln von Tonio auf dem Holzzaun gehangen, hatten im Wind geflattert wie Fahnen.
Sie hatten von einem bisschen Glück geträumt.
Ein Park war entstanden, Paare gingen da jetzt spazieren, Kinder fuhren mit Fahrrädern umher. Die Stadt brauche einen schönen Park, wurde gesagt.


III

Der betrunkene Parkwächter versuchte gerade zu gehen und sicher aufzutreten. Trotz der ausgebeulten Jogginghose konnte man sehen, dass seine dünnen Beine nach Innen gebogen waren. Ein alter, glatzköpfiger Mann mit buschigen Augenbrauen, eingefallenen Wangen und gebbraunen Zahnstummeln, die nur zum Teil von dem gewaltigen, braunen Schnauzer verdeckt wurden.
«Verschwindet aus dem Park», brüllte er Kinder und Erwachsene an.
Niemand rührte sich. Niemand konnte ihnen verbieten hier um den Weihnachtsbaum herumzustehen. In der Natur waren Verbotsschilder nicht vorgesehen.
Der Wächter schaute verächtlich auf den Baum. Sein Revolver am Gürtel gab ihm Macht.
«Schafft sofort diesen Müll hier weg!»
Manolo hob einen Stein auf. Niemand hatte das Recht, sein Werk Müll zu nennen. Niemand konnte ihm, Quique, den Kindern und Eltern verbieten, einen Weihnachtsbaum zu haben.
Sein Gesicht versteinerte. Er sah plötzlich älter, faltiger und hagerer aus. Einen Moment hatte er das Gefühl gehabt, nahe bei den Sternen zu sein.
Quique stand neben ihm, stand einfach nur da, wollte etwas sagen, aber dann fiel ihm nichts ein. Er schüttelte nur immer wieder den Kopf, fassungslos.

Jemand holte andere Eltern, die auf die Rückkehr ihrer Kinder gewartet hatten.
Der Kreis um den Baum wurde immer größer, niemand bewegte sich, niemand sagte ein Wort.
Der Wächter sah in die finsteren Gesichter, trat einen Schritt zurück und zog seine Waffe.
« Zum letzten Mal sage ich: Haut hier alle ab, nehmt diese Schweinerei mit, verzieht euch. Ich werde sonst Verstärkung anfordern ! »
Manolo hielt noch immer den Stein in seiner Faust.

IV

Antonio Muñoz konnte nicht einschlafen, obwohl es auf der Straße ruhig geworden war.
Bilder gingen ihm durch den Kopf:
Sein kleiner Sohn Tonio, wie er barfuß durch den Schlamm lief und mit den Hühnern der Nachbarin spielte, sich die laufende Nase mit dem Ärmel seiner Jacke abwischte.
Seine Frau, wie sie Wäsche wusch, sie immer wieder auswrang, dabei traurige Lieder sang. Die arbeiten musste, mit ihren geschwollenen Gelenken, der von der Lauge rissigen Haut.
Die Umgebung, wo sie jetzt hausten, alles voller Müll, Dreck und Gestank.
Herrenlose Hunde, die herumstreunten.
Betrunkene auf der staubigen Strasse.
Die alten Augen seines Sohnes.

Plötzlich hörte er einen Schuss. Er sprang aus dem Bett und nahm den Revolver aus dem Versteck unter der Matratze.
Anziehen musste er sich nicht, war wegen der Kälte in seinen Kleidern ins Bett gegangen.
Noch einmal schaute er seine Frau an, gab ihr einen sanften Kuss; um sie nicht zu wecken.
Es war wie ein Abschied.
Er lief aus dem Haus in Richtung Park. Müdigkeit war in jeden Winkel seines Körpers gekrochen, aber die Wut trieb ihn vorwärts. Den geladenen Revolver hielt er in der Hand.
Es war einer dieser Augenblicke, in denen man etwas tun, aber auch alles bleiben lassen konnte, dachte er.
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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