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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 29.03.2011, 10:45
Pedro Pedro is offline
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Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Jaime und Susana

Jaime und Susana


In jenen Zeiten, das ist schon länger her, war es nicht schwierig, Geld aus dem Ausland zu erhalten.
Besonders leicht war es, wenn Einzelnen geholfen werden sollte. Europäer, besonders Deutsche, waren bereit und willig zu helfen, wenn man nur an ihr Mitleid appellierte. Für großartige Ideen, es gab kaum welche, war es schwierig, Hilfe zu bekommen.
Für die Operation des Blinden kam Geld.

Jaime war als Kind erblindet. Einige sagten, er sei krank gewesen, andere, er habe zu viel onaniert.
Es hieß immer, man könne ihn operieren, wenn nur ausreichend Geld da wäre.
Er fand sich gut zurecht, seine Hütte war klein, alles musste immer am gleichen Ort stehen. Das war nicht schwer, stand doch fast nichts in der Hütte.
Er fiel auch im Ort nicht besonders auf, höchstens seine große Sonnenbrille. Er saß wie die anderen Männer herum, trank mit ihnen, wenn Geld da war, Bier oder Wein.
Manchmal zuviel.
Wenn er ein Klavier hätte, wäre er sicherlich ein berühmter Pianist, sagte er immer wieder. Meistens, wenn er zu viel getrunken hatte.
Er hatte von einem berühmten blinden Pianisten gehört.
Gute Freunde von ihm hatten einmal versucht, ein Klavier für ihn zu erwerben. Sie waren irgendwo eingebrochen, hatten einen Flügel aus einem Haus geholt. Die Hausbesitzer waren gerade irgendwo in Europa. Der Transport bereitete größere Schwierigkeiten. Es gelang ihnen, einen Lastwagen zu besorgen.
Der Flügel passte aber dann nicht durch die Tür von Jaimes Hütte. Als sie die vordere Hauswand einreißen wollten, war Jaimes Frau Susana dagegen. Das Piano habe auch in der Hütte keinen Platz, sagte sie.
Eines Tages nach viel Wein versuchte Jaime ein Konzert unter freiem Himmel zu geben. Als er merkte, dass das nicht funktionierte, meinte er, man könne nur unter Dächern spielen. Alle berühmten Leute hätten stets unter einem Dach ihre Konzerte gegeben.
Der Flügel stand dann längere Zeit bei Regen und Sonnenschein auf der Straße herum, Kinder sprangen auf ihm herum.
Irgendwann wurde er zu Feuerholz verarbeitet. Mit dem Draht der Saiten konnte man die Dächer der Hütten fester anbinden und Wäsche aufhängen.

Fast alle Frauen der Población (Elendsviertel) arbeiteten irgendwo.
Susana machte bei reichen Leute die Häuser sauber. Sie fand immer leicht eine Stelle. Jede Hausfrau stellte sie sofort an - sie war keine Gefahr für deren Ehemann.
Susana hatte einen schönen Körper, war überall gepolstert, wo es sein sollte. Sie hatte gute Beine, lange schwarze Haare, war nicht zu groß und nicht zu klein. Im Bett brauchte man ihr kein Kissen unter den Hintern zu legen, wie man es hier ausdrückte. Und eine Stimme hatte sie, weich und verführerisch.
Aber ihr Gesicht war kaum zu beschreiben, sah es doch aus wie Frankensteins Monster.
Die Eheleute liebten sich beide sehr, gingen zärtlich miteinander um.

Ich fuhr in die Hauptstadt, sprach mit verschiedenen Ärzten. Jaime wurde untersucht. Ja, man könne ihn operieren, wahrscheinlich könne er dann normal sehen.
Susana brachte ihn ins Krankenhaus, sie war begeistert, Jaime auch.
Ein neues Leben würde für sie beginnen, vielleicht würde Jaime sogar Konzertpianist. Sie würden dann zusammen bis ans Ende aller Tage in einem schönen Haus wohnen, mit einem großen Garten, vielleicht auch mit Schwimmbad.
Susana hatte solche Häuser bei ihrer Arbeit kennen gelernt.

Nach einer Woche ging ich ins Krankenhaus.
Jaime lag strahlend im Bett. Er konnte jetzt sehen. Er müsse mir etwas sagen, erklärte er. Ich merkte, dass es ihm ziemlich schwer fiel.
Nein, er brauche sich nicht großartig zu bedanken, das sei unnötig, meinte ich.
Es gehe um etwas anderes, sagte Jaime:
„ Ich habe mich von Susana getrennt!"
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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