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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 21.04.2011, 19:41
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
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Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Jeden Tag ein Stück von dir (Teil 1)

Jeden Tag ein Stück von dir (Teil1 )
I

Es fing langsam an. Ich nahm das zunächst gar nicht wahr. Das ist normal, ich werde eben älter, bin jetzt sechzig, dachte ich.
Namen konnte ich noch nie gut behalten. Irgendetwas suchte ich schon immer, glaubte dann, meine Frau hätte es weggeräumt. Kein Grund sich aufzuregen, dachte ich damals. Beim Joggen wusste ich letzthin nicht, wo ich war, fand mich dann aber zurecht. Ich ging in den Keller, wollte etwas holen und wusste nicht mehr was, suchte einen Schlüssel und hatte ihn in der Hand.

Die Ferien sind vorbei, erster Schultag. Ich habe eine vierte Klasse. Ich unterrichte sie schon drei Jahre lang, habe mich an die Kinder gewöhnt, kenne ihre Schwächen und Stärken.
Ihre Eltern lernte ich hauptsächlich bei Elternabenden kennen, zweimal im Jahre sehe ich sie, wenn nichts Außergewöhnliches vorfällt, etwas, das ich nicht alleine regeln kann.
Bei meiner Arbeit versuche ich so wenig wie möglich Eltern zu „belästigen“. Ich erwarte auch von ihnen, dass sie sich nicht wegen jeder Kleinigkeit beschweren, versuche alles mit den Kindern direkt zu regeln. Das kommt gut an.
Ich mache meine Arbeit gerne, bin aber froh, dass ich nicht 28 Stunden unterrichten muss, sondern nur 15. Der Rest des Deputates ist für Verwaltungsarbeiten bestimmt.

Montag, erste Unterrichtsstunde nach sechs Wochen. Die Kinder erzählen von ihren Ferienerlebnissen, viele waren im Ausland mit ihren Eltern. Als ich noch zur Schule ging, war das anders - wir hatten dafür kein Geld .
Ich merke, dass mir einige Namen von Schülern entfallen sind, schaue in der Schülerliste unauffällig nach, kann sie den Schülern zuordnen, erinnere mich wieder. Das ist mir in den letzten Jahren schon öfter passiert.
In der Pause begrüße ich alle Lehrerinnen und Lehrer. Ich will ihnen eine neue Kollegin vorstellen. Sie war am Anfang der Ferien bei mir. Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern.

„Hast du die Milch mitgebracht?“, fragt mich meine Frau Susanne.
„Welche Milch?“
„Na ich hatte dich doch gebeten, auf dem Rückweg von der Schule Milch einzukaufen.“
„Davon weiß ich nichts.“
„Du hörst eben nie zu.“

Ich glaube, er vergisst immer mehr, bin besorgt. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber sie passieren immer öfter. Er sucht dauernd etwas, seine Brille, seinen Geldbeutel, letzthin lagen seine Autoschlüssel im Kühlschrank!
Er kommt müde und abgespannt aus der Schule, schläft dann am Nachmittag recht lange, ist manchmal sehr gereizt.
Wenn wir miteinander diskutieren, kann er sich manchmal nicht an Namen von Bekannten erinnern.
Er ist ruhiger geworden, nachdenklicher, spricht weniger. Vielleicht sollte er mal zum Arzt gehen.

Heute Nachmittag habe ich Sprechstunde in der Schule. Eine Frau kommt in mein Büro. Sie umarmt mich und küsst mich auf den Mund. Ich versuche meine Verwirrung zu verbergen. Eine äußerst attraktive Frau ist sie, lange schwarze Haare, grüne Augen, tolle Figur, etwas älter als dreißig. Sie kommt mir irgendwie bekannt vor.
Wir setzen uns an den Tisch, es klopft. Eine Kollegin kommt herein, sagt, sie würde den PC wieder in Ordnung bringen, wie wir es heute Vormittag besprochen hätten. Ich kann mich zwar an ein Gespräch mit ihr nicht erinnern, bin aber froh, dass sie da ist.

„Ja, ich glaube ich muss mal mit Ihnen über meinen Sohn sprechen, sein Zeugnis war ja nicht umwerfend. Ich brauche ihren Rat, was kann man da machen?“

Ich weiß noch immer nicht, wer die Frau ist, weiß nicht, wer ihr Sohn ist, weiß nicht, warum sie mich geküsst hat. Ich versuche mich zu konzentrieren. Ich muss herausfinden, wer sie ist.

„Ja, ihr Sohn ist in letzter Zeit ziemlich unkonzentriert, das merkt man besonders in Mathematik.“

„In Mathematik? Da hat der doch gut abgeschnitten.“

„Ja, aber bei den Textaufgaben hat er Schwierigkeiten, manchmal scheint er sie nicht zu verstehen. Vielleicht wegen seiner Schwierigkeiten in Deutsch.“

„Das habe ich auch bemerkt, wenn er etwas lesen soll, versteht er die Arbeitsanweisungen nicht richtig. Seine Rechtschreibung ist auch grauenhaft.“

Jetzt komme ich der Sache schon näher, der Junge hat Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung, die haben nur drei Jungen.

„Er müsste mehr lesen.

„Meinen Sie, ich sollte mit Adrian Diktate üben?“

Jetzt weiß ich es, der Junge heißt Adrian. Ich schaue in meinen Unterlagen nach, Adrian Wernet, heißt er, sie ist also Claudia Wernet.

„Diktate üben, ich glaube ja, täglich ein kleines Diktat, er sollte es dann selber berichtigen.“

Die Kollegin hat ihre Arbeit am PC beendet, sagt:: „Also dann bis Morgen“, und geht.
Kaum ist sie draußen, umarmt mich Frau Wernet wieder:

„Ich habe dich so vermisst. Können wir uns am Donnerstag treffen? Donnerstag 20:00 Uhr, wie immer, da wo wir letztes Mal waren?“

Ich weiß nicht, wo wir das letzte Mal waren, weiß überhaupt nicht, dass wir zusammen waren, nicke aber.
Frau Wernet geht, winkt, wirft mir noch eine Kusshand zu.
Eine andere Mutter wartet schon draußen, ich sage das Gespräch ab.

Als ich nach Hause komme, bin ich geschafft. Meine Frau ist nicht da. Gott sei Dank, denke ich, lege mich gleich ins Bett und denke nach.
Ich kann mich nicht erinnern, woher und wie gut ich Claudia kenne, weiß nicht, welche Beziehung wir miteinander haben, ich muss zum Arzt.

Als ich abends nach Hause komme, finde ich meinen Mann zunächst nicht, er ist schon im Schlafzimmer, liegt im Bett, aber er schläft nicht. Er starrt gegen die Decke, sieht abgespannt aus.
Brot hat er natürlich auch nicht eingekauft.
Ich erzähle ihm, dass ich bei Carmen war, am Samstag würde sie mit ihrem Mann zum Abendessen kommen. Vielleicht zusammen mit Beate und Rolf.
Paul ist wenig begeistert, als er das hört. Er sei krank, sagt er, müsse zum Arzt. Er könne sich nicht konzentrieren, habe manchmal Schwierigkeiten, sich an etwas zu erinnern. Bei den Elterngesprächen heute habe er deswegen Probleme gehabt.

Es ist Samstagabend, Carmen und Jürgen, Beate und Rolf sind gekommen. Paul hat gekocht, wurde dabei immer unzufriedener mit sich, erinnerte sich nicht an Rezepte von Mahlzeiten, die er schon oft zubereitet hatte.
Zuerst stoßen wir mit Sekt an.
Wir sprechen von unserer Arbeit und über Reisen. Paul redet wenig, geht dann nach draußen. Als er wieder rein kommt, sagt er:
„Also lasst uns jetzt endlich mal anstoßen.“

Alle schauen sich an, Paul merkt, dass irgendetwas falsch gelaufen ist und lacht etwas verkrampft. Ich helfe ihm:
„Doppelt genäht hält besser“, sage ich.

Die Stimmung wird beim Essen gelöster. Paul erzählt von seinem Aufenthalt in Kolumbien vor zwanzig Jahren, viele Einzelheiten, es wird viel gelacht.
Als ihn dann Jürgen fragt, ob er schon alles vorbereitet habe für das nächste Wochenende, schaut Paul ihn etwas hilflos an.
„Nächstes Wochenende?“
„Ja, nächstes Wochenende. Wir wollen doch zusammen zum Angeln fahren.“
„Ach ja, klar, alles vorbereitet.“

Ich bin froh, dass jetzt alle wieder weg sind, bin irritiert, habe gemerkt, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich zu erinnern.
Auch das Sprechen ist mir schwer gefallen, die andern haben hoffentlich gedacht, dass ich zu viel getrunken habe.
Ich bin müde.

Wir gehen bald ins Bett, Paul schläft sofort ein. In letzter Zeit dauert sein Schlaf nur wenige Stunden, dann geistert er unruhig im Haus herum.
Ich kann nicht gleich einschlafen, in meinem Kopf läuft alles durcheinander. Paul konnte sich nicht erinnern, dass er mit Jürgen zum Angeln fahren wollte, dass wir schon mit Sekt angestoßen hatten.
Endlich schlafe ich ein.
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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