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Eigene Gedichte und freie Texte Wer gerne eigenes Gedankengut veröffentlichen oder freie Texte einstellen möchte, kann das gerne hier tun. Bitte unter Beachtung des Copyright's

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Old 09.09.2011, 20:24
Pedro Pedro is offline
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Join Date: 13.04.2010
Posts: 59
Pedro befindet sich auf einem aufstrebenden Ast
Default Aristoteles

Ich schaue ihn mir genauer an:
Sein Kopf über dem unrasierten Gesicht ist kahl, nur hinten fallen einige fettige Strähnen grau gesprenkelten Haars bis fast auf den Kragen seines speckig glänzenden schwarzen Sakkos, das überhaupt nicht zu der hellen, fadenscheinigen Tweedhose passt. Seine Manschetten sind ausgefranst und am Rande so schwarz wie seine Fingernägel. Sein Alter kann ich nur schwer einschätzen, etwa 50 bis 60 Jahre vermute ich.
Da sitzt er auf dem Boden vor einem Kaufhaus am Eingang, neben ihm ein kleiner Hund, eine Promenadenmischung, schwarz – weiß, kurzer Schwanz, ein Ohr hängt, das andere steht.

Später Nachmittag, es fängt an zu regnen.
Vor ihm ein Einkaufswagen aus einem Supermarkt, beladen mit Tüten, Kleidungsstücken und einem Schlafsack. Alles abgedeckt mit einer durchsichtigen Plastikplane. Er hat ein Buch in der Hand, „Aristoteles“ kann ich auf dem Einband lesen.
Die Leute laufen vorbei, ab und zu wirft jemand eine Münze in die Blechdose, die vor ihm steht.
Ich bleibe längere Zeit vor ihm stehen, werfe dann ein Geldstück in die Blechbüchse und frage ihn, ob er mitkommen wolle. Ich sei gerade allein, hätte ein Haus, wir könnten da zusammen etwas essen.
Zunächst zögert er, scheint überrascht. Ob er den Hund mitnehmen könne, fragt er. Wir gehen ins Parkhaus, wo mein Auto steht und laden alles ein. Der Hund legt sich auf dem Rücksitz.
Ich will gleich mit ihm ins Haus gehen, aber er meint, er müsse erst alles, was er habe, ausladen. Seine Sachen lasse er nie aus den Augen.
Wir bringen dann alles ins Wohnzimmer, den Wagen stellt er am Eingang ab, der Hund legt sich in eine Ecke.
Ob er sich frisch machen könne, fragt er. Ich zeige ihm das Bad. Mir fällt ein, dass irgendwo noch ein Karton mit Kleidung herumstehen müsste. Meine Frau wollte ihn beim Roten Kreuz abgeben, hatte aber dann wohl keine Zeit mehr gehabt.
Ich finde ihn in der Garage, stelle ihn vor das Bad und rufe: „Vor der Tür steht ein Karton mit alten Kleidungsstücken, vielleicht können Sie etwas davon gebrauchen“. Keine Antwort.
Wir sitzen dann zusammen am Küchentisch und essen, Kartoffeln und Gemüse, dazu habe ich Steaks gebraten. Eine Flasche mit spanischem Rotwein habe ich entkorkt. Er will keinen Wein, er trinke keinen Alkohol mehr, schon seit längerer Zeit. Leitungswasser möchte er, er sei daran gewöhnt.
Der Mann hat Hunger, greift kräftig zu, schaut mich öfter an und schüttelt den Kopf. Völlig verändert sieht er aus, hat sich gewaschen und rasiert, meine abgelegten Kleidungsstücke passen ihm.

„Warum haben Sie mich mitgenommen?“, fragt er nach längerer Zeit.
Ja, warum habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen? Meine Frau ist gerade mit einem Mann abgehauen, ich fühle mich alleine. Ich sage aber:
„Sie hatten ein Buch in der Hand, „ Aristoteles“, habe ich auf dem Einband gelesen.“
„Ja, das ist schon interessant, es geht da um einen Gottesbeweis. Haben Sie etwas von Aristoteles gelesen?“
Ich sehe ihn ziemlich verblüfft an.„Nur sehr wenig, ich habe wenig Ahnung von Philosophie.“

Wir haben uns noch nicht vorgestellt.
„Heiner Müller“, sage ich, „ich arbeite als Bauingenieur in einer größeren Firma.“
„Namen spielen für mich keine Rolle mehr. Nennen sie mich, wie Sie wollen, Franz, Uwe, Gerd oder -“
„Dann werde ich Sie Aristoteles nennen“, sage ich lachend.
Er nickt etwas erstaunt.

Wir gehen zusammen ins Wohnzimmer, auch der Hund legt sich wieder in eine Ecke, nachdem er die Reste des Essens aufgefressen hat. Ich hole eine weitere Flasche Wein und einen Krug mit Leitungswasser für Aristoteles, stelle alles auf den Couchtisch.
Aristoteles sitzt mir in einem Sessel gegenüber.

Seit 15 Jahren bin ich schon unterwegs und immer noch nicht angekommen“, sagt er. „Das fing an, als meine Frau weglief. Ich will ihnen Einzelheiten ersparen, mich kurz fassen.“
Er macht eine Pause, setzte sich bequemer in den Sessel, trinkt einen Schluck Wasser und lehnt sich zurück. Dann spricht er weiter, ohne mich direkt anzusehen.
„Nach kurzer Zeit zitterten mir morgens schon die Hände, ich musste ein Glas Wein zu mir nehmen, später auch Schnaps, verlor dann auch meine Arbeit und meine Wohnung, war dann plötzlich auf der Straße."
Er hält sein Glas mit beiden Händen fest umklammert und dreht es hin und her.
„Mit viel Alkohol kam ich durch den ersten Winter, lernte Sachen zu organisieren, lernte, wo einem geholfen wurde, lernte auf der Straße zu überleben."
Jetzt schaut er mich direkt an.
„Sie können sich das sicher nicht vorstellen, man lebt da draußen ständig in Gefahr,
überfallen und beraubt zu werden, Jugendliche, die selbst in Gefahr sind, einmal obdachlos zu werden, haben ihr Feindbild: den Penner. Aber das interessiert Sie wahrscheinlich gar nicht."
„Doch, doch, erzählen Sie bitte weiter."
„Man kommt schnell völlig nach unten, hat kaum ein Chance da wieder wegzukommen. Man hört dann noch immer wieder, man sei ja selber schuld an allem, habe es letzthin nicht besser verdient. Schließlich glaubt man es selber."

Aristoteles steht auf, geht zum Fenster und schaut auf die Straße. Dann dreht er sich wieder um.
„Man wird abhängig von staatlichen und kirchlichen Hilfsangeboten, man gewöhnt sich daran, man sieht keine andere Perspektive, man hat auch keine andere. Und vielleicht will man nach einiger Zeit auch keine andere haben."
Den letzten Satz hat er ziemlich leise gesprochen.
„Ich brauche inzwischen nicht mehr, als ich da in dem Einkaufswagen habe. Ich brauche nichts mehr, auch keine soziale Anerkennung. Ich fühle mich freier als vorher. Ich will meine Ruhe haben. Ich glaube, das Leben ist wollen, möchten, sollen. Müssen ist etwas ganz anderes.“

Er steht auf und lässt den Hund raus, im Garten kann er frei herumlaufen.
„Ich bin ziemlich viel herumgekommen. Ich mache meine Runde, einige Leute kennen mich, da bekomme ich etwas zu essen, kann manchmal auch bei ihnen schlafen, mich und meine Wäsche waschen. Dafür arbeite ich dann ein bisschen, helfe den Leuten im Garten. F
„Und wo schlafen Sie?“
„Es gibt einen alten Friedhof, da wird schon lange keiner mehr beerdigt. Aber den will man jetzt zu einem Parkplatz umfunktionieren.“
„Und im Winter?“
„Ich habe einen warmen Schlafsack. Kleidung erhalte ich vom Roten Kreuz und von der Caritas.“
„Ich las, dass der Staat eine billige Wohnung bezahlt...“
„Ja, aber das ist eher theoretisch, für den genehmigten Preis bekomme ich hier keine Wohnung und ohne Wohnsitz auch keine Arbeit oder eine finanzielle Unterstützung.
In einem Heim könnte ich unterkommen, aber das will ich nicht.

„Ich bin meistens alleine. Auf der Straße gibt es keine Freundschaft, es geht ums Überleben.
Manchmal wird es gefährlich, ein Bekannter ist einmal mit Springerstiefeln zusammengetreten worden, musste ins Krankenhaus. Bisher bin ich klar gekommen.“
„Wie ist das, wenn Sie mal krank werden?“
„Neulich hatte ich starke Zahnschmerzen. Vom Sozialamt erhielt ich ein Schreiben für eine provisorische Behandlung in einem Krankenhaus. Als ich dahin kam, wurde mir gesagt, provisorische Behandlungen seien hier nicht üblich. Es sei ja wohl auch nicht so dringend.“
„Ja und dann?“
Aristoteles gießt sein Glas wieder voll, trinkt und stellt es auf den Tisch.
„In der Nacht bekam ich fürchterliche Schmerzen. Wenn ich gewusst hätte, welcher Zahn entzündet war, hätte ich ihn mir selber rausgerissen. Mit einem völlig geschwollenen Gesicht lief ich dann wieder ins Krankenhaus. Dann wurde ich behandelt!"
Aristoteles streicht sich mit der Hand über die Augen.
„Ich habe viel Zeit, über mich selbst nachzudenken, über die Frage, warum und wozu. Eine Antwort habe ich noch nicht gefunden, vielleicht gibt es sie nicht, ich weiß nur, dass es kein Anrecht auf Wohlstand und Glück gibt.“
Aristoteles hat immer langsamer gesprochen, vor sich hin geschaut.
Ich biete ihm das Gästezimmer für die Nacht an, sage ihm, dass er morgen seine Wäsche in der Waschmaschine waschen solle. Er könne ruhig ein paar Tage bleiben.

Abends komme ich von meiner Arbeit nach Hause, habe noch schnell eingekauft, auch Hundefutter. Der Tisch ist gedeckt, Aristoteles hat gekocht, die Wohnung ist sauber. Ich staune immer mehr über ihn, spricht wie ein Akademiker und kann auch noch gut kochen.

Wir setzen uns wieder ins Wohnzimmer, ich muss noch etwas arbeiten. Er steht am Bücherregal und schaut sich philosophische Werke an, nimmt Heidegger heraus und liest.
Ob ich das schon gelesen hätte, fragt er mich nach einiger Zeit. Ich sage, ich hätte da einiges stehen, hätte versucht es zu lesen, aber Heidegger könne ich nicht verstehen, da fehle mir die Bildung.
Der schreibe schon kompliziert, meint er, wenn ich wolle, könne er mir etwas helfen, ihn zu verstehen.
Ich bin überrascht, helfen?
Ja, er habe sich längere Zeit mit Heidegger beschäftigt, sagt er, zögert ein wenig und fügt dann hinzu: „Über den habe ich mal etwas geschrieben, das ist allerdings schon lange her.“

Ich sage ihm, dass ich für ihn eine Arbeitsstelle gefunden hätte, einfache Büroarbeiten in meiner Firma. Wenn er wolle, könne er morgen einmal mitkommen und sich die Arbeit anschauen.

Aristoteles ist mitgegangen, 14 Tage ist er bei mir geblieben, hat im Haus und Büro gearbeitet, hat versucht, mich in die Grundlagen der Philosophie einzuführen. Über den Gottesbeweis von Aristoteles haben wir auch gesprochen.
Wir haben über alles Mögliche diskutiert, über das Leben, das Sterben, den Tod.
Er sagte einmal:
„Der einzige Trost ist, dass das Leben, egal was geschieht, einfach weiter geht. Wenn wir sterben, verändert der Lebensstrom vielleicht für einen Moment seinen Lauf, doch er lässt die Lücke, die wir hinterlassen, ziemlich rasch wieder zufließen.“

Ich habe mich an ihn und seinen Hund gewöhnt, obwohl der den Garten ziemlich veränderte. Die Gardinen im Haus ließ er hängen.
Als ich eines Samstags aufstehe, ich habe länger geschlafen, sind er, sein kleiner Hund und sein Einkaufswagen nicht mehr da.

Ein Zettel liegt auf der Anrichte:
Vielen Dank für alles.
Aristoteles
__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne hat, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)
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